Preußen  und  Deutschland  bis  zum  Beginn  der  Befreinngskriege.  393

Orten  zugleich  begann,  hatten  alle  einen  möglichst  günstigen  Erfolg.  Die  bayerischen
und  französischen  Truppen  mußten  nach  einem  unglücklichen  Gefechte  bei  Sterzing  sich
nach  Innsbruck  zurückziehen,  Innsbruck  selbst  wurde  eingenommen  und  der  französische
General  Bisson  sah  sich  unter  solchen  Umständen  gezwungen,  mit  4000  Mann  vor  den
aufrührerischen  Bauern  zu  kapitulieren.  Allein  die  Siegesfreude  hatte  keine  lange  Dauer.
Der  obenerwähnte  General  Chasteler,  überließ,  seitdem  er  von  Napoleon  geächtet  war,
vollständig  mutlos  Innsbruck  mit  dem  nördlichen  Tirol  den  bayrischen  und  französischen
Feldherren,  die  nun  am  19.  Mai  dort  einzogen  und  fürchterlich  hausten.  Von  neuem
riefen  diese  Greueltaten  die  Tiroler  zu  den  Waffen.  Andreas  Hofer  besetzte  mit  6000
Mann  den  Thalberg  und  hinderte  dadurch  die  Feinde  am  Vorrücken.  Unter  Anführung
des  Kapuziners  Haspinger  leisteten  die  Bauern  so  energischen  Widerstand,  daß  die  Bayern
mit  großen  Verlusten  den  Rückzug  antreten  mußten,  und  nun  Innsbruck  zum  zweiten
Male  räumten.  Ebenso  wurden  in  Vorarlberg  die  französisch-württembergischen  Truppen
von  den  Bauern  zurückgedrängt  und  Bregenz  besetzt.  Allein  die  Siegeszuversicht,  die
durch  alle  diese  Erfolge  wachgerufen  wurde,  sollte  bald  sehr  gedämpft  werden.  Die
Nachricht  von  dem  Waffenstillstand  bei  Znaim  erregte  unter  den  Infurgenten  Verzagtheit
und  Uneinigkeit.  Die  Oesterreicher  zogen  aus  dem  Lande  ab  und  überließen  es  nun
wiederum  den  Franzosen  und  Bayern,  so  daß  sich  die  Tiroler  zum  dritten  Male
gezwungen  sahen,  zu  den  Waffen  zu  greifen.  Unter  der  Führung  von  Hofer,  Mayr,
Speckbacher  und  Haspinger  besetzten  sie  die  Höhen  um  Brixen,  und  als  die  Feinde  von
Innsbruck  durch  die  Talschlucht  heranrückten,  wurden  sie  mit  Felsstücken,  Baumstämmen
sowie  den  sicheren  Kugeln  der  Tiroler  Schützen  empfangen.  Die  Ueberlebenden  mußten
die  Waffen  strecken.  Am  Napoleonstag,  am  15.  August  zog  Andreas  Hofer  zum  dritten
Male  in  Insbruck  ein,  um  von  dort  aus  als  kaiserlicher  „Oberkommandant  von  Tirol“
das  Land  nach  altem  Brauch  und  Herkommen  zu  regieren.  Allein  als  nun  nach  Abschluß
  des  Wiener  Friedens  die  Feinde  von  neuem  ins  Land  eindrangen,  als  Innsbruck
wiederum  den  Bayern  in  die  Hände  fiel,  mußten  Speckbacher  und  andere  Führer  fliehen,
Andreas  Hofer  aber,  von  einem  Bauern  verraten,  wurde  in  einer  Sennhütte  des  Passeyertales
  gefangen  genommen  und  in  Mantug  zum  Tode  verurteilt.  Am  20.  Februar  starb
er  mit  dem  Mute  eines  Helden.

Preußen  und  Deutschland  bis  zum  Beginn  der  Befreiungskriege.
Der  Feldzug  gegen  Rußland.

Wir  haben  oben  schon  von  den  kriegerischen  Vorgängen  des  Jahres  1809  in  Norddeutschland
  gesprochen.  So  wenig  glücklich  dieselben  auch  waren,  so  zeigte  sich  an  ihnen
doch  die  wilde  Gärung,  die  mehr  und  mehr  Platz  griff,  und  namentlich  durch  den  früher
schon  erwähnten  Tugendbund  genährt  wurde.  „Die  heimliche  Kunde  von  dem  Tugendbunde
  drang  bis  über  die  Elbe  zu  den  VBölkern,  die  in  westfälischer  oder  französischer
Gefangenschaft  saßen;  Vertraute  bargen  das  heilige  Feuer  vor  den  Augen  der  Unterdrücker,
  und  warfen  in  die  Nacht  der  namenlosen  Leiden  den  Hoffnungsstrahl  der  Erlösung;
die  Niedersachsen,  Westfalen  und  Hessen  klirrten  mit  ihren  Ketten  und  der  Argwohn  der