394  Das  Zeikaller  der  Befreiungskriege.

Fremden  glaubte  sich  von  unsichtbaren  Gefahren  umgeben,  sie  sühlten  das  Wehen  des
Geistes,  der  ihre  finsteren  Werke  zerreißen  sollte.“  Eine  über  ganz  Westfalen  beim
Beamten=  und  Offiziersstand  verbreitete  Verschwörung  sollte  die  österreichischen  Unternehmungen
  fördern.  Allein  die  Unternehmungen  Katts,  welcher  Magdeburg  erobern,  und
Dörnbergs,  welcher  den  König  von  Westfalen  gefangen  nehmen  sollte,  schlugen  fehl,  und
ein  neuer  Versuch  der  Empörung,  der  zwei  Monate  später  von  Marburg  aus  unternommen
  wurde,  hatte  nur  den  Tod  des  Urhebers,  Professors  Sternberg,  zur  Folge.

Die  patriotische  Begeisterung  freilich  vermochte  all  das  nicht  zu  dämpfen.  „Unter
den  Patrioten  im  preußischen  Heer  und  Beamtentum,  sagt  Treitschke,  war  nur  eine
Stimme,  alle  dachten  wie  der  alte  Blücher;  warum  die  Preußen  es  nicht  den  Tirolern
und  Spaniern  gleichtun  sollten.  —  „Trage  Fesseln  wer  will,  ich  nicht.“  Manche  der
entlassenen  Offiziere  kämpften  bereits  in  den  Reihen  der  österreichischen  Armee.  Die
Stimmung  der  preußischen  Truppen  war  so  offenkundig,  daß  Napoleon  gar  nicht  wagte,
den  König  an  die  Stellung  des  versprochenen  Hilfskorps  zu  erinnern;  ihm  graute  vor
solchen  Bundesgenossen.  So  stürmisch  flammte  die  Ungeduld,  daß  jetzt  zum  ersten  Male
in  der  ehrenreichen  Geschichte  des  preußischen  Heeres  ein  Treubruch  möglich  wurde  —
ein  Treubruch  freilich,  der  nur  den  edlen  Zweck  verfolgte,  dem  geliebten  König  sein
bestes  Dorf  zurückzugeben.  Major  Schill,  der  Held  von  Kolberg,  wie  ihn  der  große
Haufe  nannte,  war  von  dem  König  für  seine  wackere  Haltung  während  des  letzten
Krieges  dadurch  belohnt  worden,  daß  er  zuerst  nach  dem  Abzug  der  Franzosen  in  die
befreite  Hauptstadt  einrücken  durfte.  Seine  Soldaten  hingen  an  ihm  mit  unbegrenztem
Vertrauen,  die  Berliner  Bürger  trugen  ihn  auf  den  Händen,  und  da  die  Masse  an
Ideen  erst  glaubt,  wenn  sie  in  einem  Manne  Fleisch  und  Blut  gewinnen,  so  galt  der
tapfere  Husar  bald  als  der  leibhaftige  Vertreter  des  alten  kriegerischen  Preußentums.
Unzählige  erhofften  von  ihm  die  Wiederkehr  der  alten  Größe,  man  rauchte  Schill-Kanaster,
  in  jedem  Bauernhause  der  Marken  prangte  sein  Bild  mit  dem  martialischen
Schnurrbart  und  Fouquéês  Versen  darunter.

Die  Volksgunst  stieg  dem  ehrlichen  Haudegen  zu  Kopfe;  er  wähnte  sich  jetzt  auserkoren
zu  wunderbaren  Dingen,  und  kaum  war  der  Krieg  im  Süden  ausgebrochen,  so  führte  er
seine  kleine  Truppe,  wenige  hundert  Mann,  von  dem  Berliner  Exerzierplatz  hinweg,  zum
Angriff  gegen  das  Königreich  Westfalen.  Lieber  ein  Ende  mit  Schrecken,  als  ein  Schrecken
ohne  Ende,  rief  er  den  unglücklichen  Verführten  zu.  Die  treuen  Männer  folgten  ihm
nur,  weil  er  im  Auftrag  der  Krone  zu  handeln  vorgab,  und  sich  vermaß  die  alte  Größe
Preußens  wieder  herzustellen.  Bald  nach  dem  Ausmarsch  ereilte  ihn  die  Nachricht  von
den  Niederlagen  der  Oesterreicher  an  der  oberen  Donau,  das  unsinnige  Unternehmen
scheiterte  schon  im  Beginn,  von  einem  großen  Volksaufstand  war  jetzt  keine  Rede  mehr.
Der  König  ließ  nicht  nur,  wie  seine  Pflicht  gebat,  den  Ernst  des  Gesetzes  gegen  die
Deserteure  in  Kraft  treten,  er  sprach  auch  in  scharfen  Worten  seine  Entrüstung  aus  über
Schills  „unglaubliche  Tat“  und  mit  vollem  Recht,  denn  was  stand  noch  fest  in  dem  unglücklichen
  Staate,  wenn  der  Gehorsam  des  Heeres  ins  Wanken  kam.  Nach  einem
Gefecht  bei  Damgarten  warf  sich  Schill  nach  Stralsund,  um  sich  dort  so  lange  zu  behaupten,
bis  er  seine  Einschiffung  nach  England  bewerkstelligt  hätte.  Allein  am  31.  Mai  fiel  die
Stadt  in  die  Hände  der  Franzosen,  und  sämtliche  preußischen  Offiziere  wurden  durch  einen
kriegsgerichtlichen  Spruch  zum  Tode  verurteilt  und  erschossen.

Weit  mehr  Erfolg  hatte  Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Braunschweig,  der  im