Preußen  und  Deutschlaud  bis  zum  Beginn  der  Befreinugekriege.  397

So  glücklich  Hardenberg  in  diesen  seinen  sozialen  Reformen  war,  so  wenig  Glück
hatte  er  in  seinen  Finanzoperationen.  Im  April  1811  war  noch  die  Hälfte  der  Kontribution
  ungetilgt  und  er  mußte  eine  neue  harte  Einkommens=  und  Vermögensstenuer  ausschreiben,
  die  freilich  ohne  jeden  nennenswerten  Erfolg  blieb.

Noch  einmal  versuchte  es  der  Staatskanzler,  unter  dem  Titel  einer  interimistischen
Nationalrepräsentation  eine  Vertretung  des  gesamten  Volkes  einzuberufen,  allein  auch
diese  hatte  keine  lange  Dauer  und  löste  sich  schon  im  Jahre  1815  wieder  auf.

Vor  allen  Dingen  aber  lag  dem  Staatskanzler  daran,  den  Zorn  und  den  Argwohn
  Napoleons  in  keiner  Weise  zu  reizen.  Noch  ein  paar  Jahre  sollte  das  Land  Zeit
haben,  um  alle  seine  Kräfte  zu  sammeln,  und  deswegen  wurde  sogar  Scharnhorst
scheinbar  der  militärischen  Leitung  enthoben.  Nach  allen  Seiten  hin  machte  Hardenberg
Ruhe  und  Frieden;  allein  schon  jetzt  ließ  sich  deutlich  erkennen,  daß  ein  Entscheidungskampf
  nicht  ausbleiben  könne.

Daran  war  namentlich  die  grenzenlose  Herrschsucht  Napoleons  schuld,  kaum  hatte  er  mit
Rußlands  Hilfe  Oesterreich  unterworfen,  so  wollte  er  nun  mit  Hilfe  Oesterreichs  den  Zaren
bezwingen.  Der  Zar  selbst  verhehlte  sich  die  Gefahr,  in  welcher  er  nun  stand,  keinen
Augenblick.  Er  kannte  den  geheimen  Verkehr  zwischen  dem  polnischen  Adel  und  Paris,
und  wenn  Polen  durch  Frankreichs  Gnade  zu  einem  selbständigen  Königtum  hergestellt
wurde,  so  entstand  dadurch  eine  Macht,  die  im  Bunde  mit  Napoleon  nicht  zu  unterschätzen
  war.  Einem  Vorschlag  Alexanders  an  Napoleon,  jeder  Teil  solle  sich  verpflichten,
Polen  niemals  wieder  aufzurichten,  wich  Napoleon  immer  wieder  aus;  und  von  jetzt  ab
schien  dieser  sich  zu  bemühen,  Rußland  zu  zeigen,  daß  er  offenbar  feindselige  Gesinnungen
hege.  Ein  naher  Verwandter  Alexanders,  der  Herzog  von  Oldenburg,  wurde  seiner
Herrschaft  beraubt,  dann  sollte  der  Zar  nach  dem  Wunsch  Napoleons  alle  neutralen
Schiffe  mit  Beschlag  belegen  lassen,  um  dadurch  den  Russen  jeden  Gebrauch  von
Kolonialwaren  unmöglich  zu  machen.

Während  all  dieser  Vorgänge  betrieb  Napoleon  seine  militärischen  Rüstungen  mit
allem  Eiser.  Schon  seit  dem  Frühjahr  1810  hatte  er  in  Warschau  ungeheure  Waffenvorräte
  anhäufen  lassen,  und  die  Festungen  in  Kriegsbereitschaft  gesetzt.  Dann  erhielten
im  April  1811  die  Fürsten  des  Rheinbundes  den  Befehl,  sich  marschbereit  zu  halten.
Magdeburg  besetzten  die  Franzosen,  in  Danzig  und  den  Oderfestungen  wurde  die  Besatzung
  verdoppelt,  und  an  der  Elbe  sammelte  Napoleon  ein  Heer  von  200  000  Mann.

Wenn  Alexander  diesen  Rüstungen  nun  auch  seinerseits  vorbereitet  entgegentreten
wollte,  so  mußte  er  seine  gesamte  Macht  bereit  halten,  und  sich  namentlich  auch  mit  den
deutschen  Großmächten  verständigen.  Eine  Zeit  lang  schien  wohl  eine  Annäherung  an
Oesterreich  möglich,  allein  diese  Hoffnung  erwies  sich  bald  als  trügerisch,  und  auch  der  kühne
Plan  Alexanders,  nun  seinerseits  ein  polnisches  Königtum  unter  russischer  Oberhoheit  zu
gründen,  erwies  sich  als  unhaltbar.  So  mußte  er  sich  denn  entschließen,  den  Krieg  im
eigenen  Lande  abzuwarten,  er  wußte,  daß  seine  Russen  den  geheiligten  Boden  des
Vaterlandes  weit  kühner  und  energischer  verteidigen  würden,  als  im  fremden  Lande  die
Interessen  fremder  Herrscher.  Damit  trat  nun  freilich  an  Preußen  die  Frage  der
Stellung  zu  einem  künftigen  Kriege  heran.  Neutralität  war  unmöglich,  denn  Napoleon
mußte  seinen  Weg  nach  Rußland  durch  Preußen  nehmen,  unterlag  Rußland,  so  war  damit
zugleich  die  Vernichtung  Preußens  ausgesprochen.  Allein  Alexander  wich  auch  seinerseits
einem  Bündnis  mit  Preußen  aus  und  wiederum  sah  sich  nun  Friedrich  Wilhelm  allein