100  Das  geitalter  der  Befreiungskricge.

konnte  sich,  als  er  nun  die  Notwendigkeit  des  Rückzugs  einsah,  nicht  entschließen,  die
offene  nördliche  Straße  einzuschlagen.  Er  dachte  noch  immer  daran,  den  Feind  zu
besiegen  und  sich  auf  der  südlichen  Straße  den  Rückzug  zu  erzwingen.  Allein  mit  der
Schlacht  bei  Malo-Jaroslawetz,  in  welcher  Napoleon  wieder  auf  die  mittlere  Straße
gedrängt  wurde,  war  der  Untergang  der  großen  Armee  entschieden.  „Der  Heuschreckenschwarm
  mußte  denselben  Weg  zurück,  den  er  schon  bis  auf  den  letzten  Halm  abgegrast.
Die  Witterung  blieb  noch  eine  Zeit  lang  leidlich,  und  erst  als  der  Frost,  ungewöhnlich
spät,  eintrat,  ward  die  Kälte  kaum  ärger  als  vor  sechs  Jähren  in  dem  polnischostpreußischen
  Feldzuge.  Aber  vor  dem  unglücklichen  Heere  lag  die  unermeßliche  Schneewüste.
  Kein  Dorf,  keine  Feuerstatt,  soweit  das  Auge  reichte;  alle  Vorräte  verloren,
alles  Ansehen  der  Oberen  vernichtet,  dazu  ringsum  die  schwärmenden  Kosaken  und  in
den  Wäldern  die  erbitterten  Bauern.  Alles  Elend,  das  nur  irgend  die  Sterblichen
heimsuchen  kann,  brach  über  die  Unseligen  herein;  es  war,  als  ob  die  Reiter  der
Apokalypse  über  die  Schneefelder  daherrasten.“  Nach  dem  greuelvollen  Uebergang  über
die  Beresina  löste  sich  jede  Ordnung;  in  regellosen  Haufen  schleppten  sich  die  andern
Trümmer  des  stolzen  Heeres,  insgesamt  kaum  30  000  Mann,  dahin  —  wankende,  hohlwangige
  Jammergestalten,  viele  blind  und  taub  vor  Kälte,  mit  wölsischem  Hunger  an
jedem  Aase  nagend,  waffenlos  in  abenteuerlicher  Vermummung,  —  eine  gräßliche
Maskerade,  wie  das  Volk  in  Deutschland  spottete,  „Trommler  ohne  Trommelstock,
Kürassier  im  Weiberrock,  so  hat  sie  Gott  geschlagen,  mit  Roß  und  Mann  und  Wagen.“
Freilich,  auch  die  Sieger  waren  erschöpft  und  unfähig,  den  Kampf  weiterzuführen.

Die  ersten  Nachrichten  von  der  Aufreibung  der  französischen  Armee  in  Rußland
waren  nach  Dänemark  und  von  da  durch  Dahlmann  nach  Deutschland  gelangt.  Am
12.  Dezember  war  Napoleon  in  Glogau  erschienen,  am  17.  Dezember  erschien  im
Moniteur  das  Bulletin,  die  große  Armee  sei  vernichtet,  die  Gesundheit  seiner  Moajestät
niemals  besser  gewesen.  Tags  darauf  erschien  Napoleon  in  den  Tuilerien,  und  bald
nach  ihm  überschritten  die  ersten  Truppen  des  französischen  Heeres  die  preußische  Grenze,
ein  lebendiges  Wahrzeichen  von  Gottes  Gericht  über  Napoleon.

Daß  die  Stunde  der  Befreiung  für  Deutschland  geschlagen,  das  erkannte  niemand
deutlicher  als  Stein.  Er  stand  damals  in  Petersburg  an  der  Spitze  des  deutschen
Komitees,  betrieb  die  Ausrüstung  einer  deutschen  Legion,  und  scheute  sich  nicht,  Aufrufe
  an  die  Truppen  der  Rheinbundarmee  zur  Fahnenflucht  ergehen  zu  lassen.

Jetzt  schrieb  Arndt  seinen  Katechismus  für  den  deutschen  Kriegs=  und  Wehrmann;
das  Mißtrauen  gegen  Stein,  das  man  demselben  anfänglich  am  russischen  Hofe  entgegenbrachte,
  wich  mehr  und  mehr  der  Begeisterung  für  den  Patrioten,  und  ehe  noch  der
Untergang  der  französischen  Armee  sich  entschieden,  hatte  er  schon  Pläne  für  die  künftige
Verfassung  Deutschlands  entworfen.  Vor  allem  suchte  er  für  seinen  Gedanken  einer
allgemeinen  Schilderhebung  den  Zaren  zu  gewinnen,  und  Alexander  war  von  den  Vorgängen
  der  letzten  Zeit  so  tief  erschüttert,  daß  sein  phantastischer  Sinn  sich  in  allen  nur
denkbaren  Träumen  und  Plänen  erging.  Die  Nachricht  von  dem  Brande  Moskaus  hatte
sein  Haar  in  einer  Nacht  gebleicht;  seine  polnischen  Pläne  tauchten  wieder  in  ihm  auf,
schon  im  November  war  er  entschlossen,  seine  Waffen  nach  Deutschland  zu  tragen.
Preußen  war  allerdings  in  einer  schlimmen  Lage.  Einen  offenen  Abfall  von  Napoleon
konnte  es  nicht  wagen,  weil  die  in  den  Marken  stehenden  französischen  Truppen  jeden
Aufstand  sofort  unterdrückt  hätten,  Hardenberg  wollte  deshalb  die  Entscheidung  hinaus-