Preußen  und  Peutschland  bis  zum  Feginn  der  Befreinngskriege.  401

zögern;  im  stillen  sollte  man  die  Rüstungen  betreiben,  aber  offen  erst  dann  hervortreten,
wenn  Napoleon  die  bewaffnete  Vermittelung  Oesterreichs  und  Preußens  abgelehnt  habe.
Indessen  sollte  sich  der  König  nach  Schlesien  begeben  und  von  dort  aus  sein  Volk  zu  den
Waffen  rufen.  Friedrich  Wilhelm  billigte  alles,  und  warnte  nur  vor  überspannten
Erwartungen.

Ende  des  Jahres  berief  man  in  Berlin  schon  die  Beurlaubten  ein,  bildete  Reservebataillone
  und  entwarf  die  Instruktion  für  Knesebeck,  der  in  Wien  unterhandeln  sollte.

Die  Masse  des  Volkes  ahnte  von  allen  diesen  Vorgängen  nichts.  Die  Ungeduld
bei  demselben  wuchs  immer  mehr  und  es  war  ein  Glück,  daß  gerade  jetzt  ein  Mann  auftrat,
  der  es  wagte,  der  allgemeinen  Volksstimmung  Ausdruck  zu  geben.  Wer  hätte  es
auch  nur  für  denkbar  gehalten,  daß  General  gork,  der  Befehlshaber  des  preußischen
Hilfskorps  jemals  an  seinem  Fahneneid  deuteln  könnte.

Vor  langen  Jahren  war  der  Jüngling  einst  wegen  Ungehorsams  aus  der
friedericianischen  Armee  entlassen  worden;  als  er  dann  nach  langen  abentenerlichen
Fahrten  gereift  und  gesetzt  wieder  eintrat,  erschien  er  den  Soldaten  wie  der  gestrenge
Geist  der  altpreußischen  Manneszucht.  Der  Mannschaft  klopfte  das  Herz,  wenn  die
hagere  straffe  Gestalt  des  alten  Isegrimm  mit  der  drohenden  Falte  über  der  Adlernase
auf  dem  Braunen  daherritt.  Kein  Fehler  entging  den  harten,  stechenden  grauen  Augen;
jedes  Schimpfwort  ließ  sich  leichter  ertragen,  als  der  gemessene  und  doch  so  furchtbare,
so  tief  demütigende  Tadel  von  diesen  stolzen,  herrischen  Lippen.  Die  Offiziere  sagten
wohl,  er  sei  scharf,  wie  gehacktes  Eisen,  sie  errieten  aus  dem  rastlos  wechselnden  Mienenspiel
  der  finsteren  Züge,  wie  viel  Ehrgeiz,  wie  viel  heiße  Leidenschaft  durch  eiserne
Willenskraft  mühsam  gebändigt,  in  dem  wortkargen,  unliebenswürdigen  Manne  arbeitete.
Die  Truppen  vertrauten  ihm  unbedingt,  denn  sie  kannten  seine  Tapferkeit  und  Umsicht
aus  den  Kämpfen  von  Altenzaun  und  Lübeck,  und  sie  wußten,  wie  eifrig  der  durch  und
durch  praktische  Offizier  für  Kleidung,  Proviant  und  Ouartier  seiner  Leute  sorgte.  Wie
in  Marrwitz  die  Standesgesinnungen  des  Landadels,  so  verkörperte  sich  in  York  der
schroffe  Stolz  des  alten  Offizierskorps;  gegen  die  neumodischen  Narrheiten  der  Reformer
war  ihm  kein  Hohn  zu  giftig.

Aber  er  haßte  die  Franzosen,  die  ihm  seine  Fahnen  entehrt,  und  den  stolzen  Bau  der  altpreußischen
  Ordnung  über  den  Haufen  geworfen  hatten;  doch  für  die  Kameraden,  die  den  Dienst
des  Königs  verließen,  um  nach  Rußland  zu  gehen,  hatte  er  nur  Worte  herber  Verachtung,  sie
waren  ihm  Verräter  und  Deserteure.  Widerwillig  war  ork  schon  in  den  französischen
Gefolge  in  den  Krieg  gezogen.  Mit  Macdonald  unter  dessen  Oberbefehl  er  stand,  hatte  er  beständig
  Zerwürfnisse  und  als  nun  die  Auflösung  der  französischen  Armee  bekannt  wurde,
da  beschloß  er  sein  Geschick  nicht  länger  an  dasjenige  der  Franzosen  zu  ketten,  er  sollte,
wie  die  königliche  Instruktion  lautete,  alles  tun,  was  nach  seinem  Ermessen  zur  Erhaltung
des  Vaterlandes  dienlich  sei,  allein  als  er  nun  vor  der  Entscheidung  stand,  wurde  ihm
ein  Entschluß  doch  schwer,  und  erst  ein  aufgefangener  Brief  Macdonalds  an  den  Minister
des  Auswärtigen,  in  welchem  deutlich  von  Yorks  Absetzung  die  Rede  war,  brachte  seinen
Entschluß  zur  Reife.  Den  Ausschlag  gab  ein  Brief  Alexanders  vom  18.  Dezember,  in
welchem  der  Zar  versicherte,  er  sei  bereit  ein  Bündnis  abzuschließen,  und  die  Waffen
erst  dann  niederzulegen,  wenn  Preußen  seine  Machtstellung  von  1805  wiedererlangt
habe.  Am  30.  Dezember  traf  York  in  der  Poscheruner  Mühle  bei  Tauroggen  mit  den

russischen  Unterhändlern  zusammen,  und  unterzeichnete  eine  Konvention,  nach  welcher
Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutschlands.  27