402  Das  Zeitaller  der  Befreiungskriege.

sein  Korps  in  den  Landstrich  zwischen  Meinel  und  Tilsit  zurückging,  um  dort  die  weiteren
Instruktionen  des  Königs  abzuwarten.  Dem  Staatskanzler  kam  die  Konvention  sehr
ungelegen,  da  sie  ihn  unter  Umständen  nötigen  konnte,  sein  ganzes  Spiel  jetzt  schon  der
Oeffentlichkeit  preiszugeben.  Allein  die  deutschen  Grenzen  wurden  den  Russen  geöffnet,
Ostpreußen  gab  man  Gelegenheit  sich  für  Deutschland  zu  erheben  und  das  Volk  erhielt
dadurch  die  Gewißheit,  daß  die  Entscheidung  nun  getroffen  sei.

Die  Befrelungskriege.

Der  preußische  Staat  war  in  der  denkbar  ungünstigsten  diplomatischen  Stellung.
Aber  alle  daraus  entstehenden  Bedenken  mußten  vor  dem  Gedanken,  daß  Deutschlands
Existenz  auf  dem  Spiele  stand,  zurückweichen.  Langsam  aber  sicher  näherte  sich  Hardenberg
  seinem  zweifachen  Ziele,  das  Heer  zu  verstärken,  und  die  Allianz  abzuschließen.
Daneben  unterließ  man  nichts,  um  den  Argwohn  Napoleons  zu  zerstreuen;  Fürst  Hatzfeld
  ging  nach  Paris,  um  die  Bundestreue  Preußens  zu  versichern.  Den  Vertrag  von
Tauroggen  verwarf  man,  Nork  und  mit  ihm  General  Massenbach  wurden  abgesetzt  und
man  trug  sich  mit  der  Absicht,  sie  vor  ein  Kriegsgericht  zu  stellen.  Napoleon  hatte  indessen
  für  alle  diese  Vorgänge  kein  Auge.  Er  trug  sich  mit  dem  Plane  eines  zweiten
Feldzuges  nach  Rußland  und  während  er,  um  die  Welt  über  seine  Absichten  zu  täuschen,
in  Fontainebleau  glänzende  Feste  veranstaltete,  betrieb  er  eine  Aushebung  nach  der  andern.
Im  Frühjahr  wollte  er  von  Magdeburg  aus  den  Feldzug  gegen  Rußland  wieder  beginnen.
  Die  Sachsen  sollten  den  rechten,  die  Preußen  den  linken  Flügel  einnehmen,  der
preußischen  Monarchie  glaubte  er  ganz  sicher  zu  sein.  Alle  Mahnungen  der  preußischen
Unterhändler,  betreffend  die  zugesagte  Entschädigung,  beantwortete  er  mit  leeren  Redensarten;
  gleichzeitig  erließ  er  an  die  Befehlshaber  der  Oderfestungen  den  Befehl,  alles  was
sie  brauchten,  sich  durch  Requisition  zu  verschaffen.  Damit  gab  er  dem  König  von  Preußen
nach  dem  Völkerrecht  nur  die  Befugnis  das  Band  zu  zerreißen.

In  Oesterreich  wollte  man  indessen  von  einer  Entscheidung  nichts  wissen.  Kaiser
Franz  war  von  Natur  friedfertig,  und  Metternich  fand  die  Welt  noch  nicht  reif  genug
für  ein  energisches  Vorgehen.  Um  so  günstigeren  Erfolg  hatte  die  mit  Rußland  gesuchte
Verbindung.  Alexander  ging  auf  alles  ein,  was  ihm  vom  General  Natzmer,  dem  Gesandten
  des  preußischen  Königs  geboten  wurde,  und  sofort  nach  Rückkehr  Natzmers  traf
der  König  seine  Vorbereitungen  zur  Uebersiedelung  nach  Breslau.  Eine  militärische  Verordnung
  um  die  andere  folgte.  In  ein  „Komite  zur  Verstärkung  der  Armee“  wurden
Hardenberg,  Kriegsminister  Hacke  und  Scharnhorst  berufen.  Am  3.  Februar  unterzeichnete
der  König  einen  Aufruf,  nach  welchem  sich  junge  Männer  zur  Bildung  eines  freiwilligen
Jägerkorps  stellen  sollten.  Am  folgenden  Tage  legte  Scharnhorst  den  Operationsplan
vor  und  einige  Tage  darauf  erfolgte  das  Edikt,  das  für  die  Dauer  des  Krieges  alle  Befreiung
  von  der  Wehrpflicht  ausfhob.  Am  13.  Februar  verlangte  der  König  in  Paris
alsbaldige  Zahlung  der  Hälfte  seiner  Vorschüsse  und  Abzug  der  Franzosen  über  die  Elbe.

So  bereitete  die  Krone  fest  und  umsichtig  den  Kampf  vor.  Doch  über  ihren  letzten
Absichten  lag  ein  unverbrüchliches  Geheimnis.