404  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege.

Selbst  die  Oberregierungskommission,  welche  der  König  unter  dem  Vorsitz  des
Grafen  Goltz  in  Berlin  zurückgelassen,  erfuhr  kein  Wort  von  den  diplomatischen  Verhandlungen;
  sie  war  angewiesen,  mit  den  französischen  Militärbehörden  auf  freundlichem
Fuße  zu  bleiben.  Der  ohnehin  langsame  Verkehr  wurde  durch  die  Truppenzüge  der
Franzosen  fast  ganz  unterbrochen.  In  den  Provinzen  wußte  man  lange  nur  das  eine,
daß  der  König  unfrei  sei,  von  französischen  Bajonetten  umgeben.  Wo  sollte  das  hinaus?
Ward  es  nicht  hohe  Zeit,  daß  die  Nation  ohne  die  Krone  und  doch  für  sie  handelte,
durch  einen  heroischen  Entschluß  den  König  befreite  und  sich  selbst  zurückgab?  Die  verzweifelte
  Frage  lag  auf  aller  Lippen,  nirgends  aber  war  die  quälende  Ungewißheit
bitterer  empfunden,  als  in  dem  treuen  Altpreußen.  Hier  diese  alten  tapferen  Grenzenhüter
  der  Germanen,  denen  die  roten  Mauern  ihrer  Ordensburgen  von  den  Wundern
einer  großen  Geschichte  erzählten,  —  sollten  sie  tatlos  zuschauen,  wie  der  Moskowiter
den  Franzmann  verjagte,  um  dann  vielleicht  die  schöne  Provinz,  die  schon  während  des
siebenjährigen  Krieges  fünf  Jahre  lang  unter  russischer  Herrschaft  gestanden  hatte,  für
immer  mit  dem  Zarenreiche  zu  vereinigen.  Jedermann  fühlte,  daß  irgend  etwas  geschehen,
daß  die  Provinz  sich  durch  eigene  Kraft  die  Freiheit  verdienen  müsse.  Schon  zu  Anfang
Januars  erschienen  einige  Mitglieder  der  preußischen  Stände  bei  dem  General  Wittgenstein
  und  erboten  sich,  Truppen  auszuheben,  die  unter  Yorks  Führung  an  der  Seite  der
Russen  kämpfen  sollten.

Nork  war  in  einer  peinlichen  Lage.  Er  hatte  gehofft,  durch  seinen  Abfall  den
König  zu  raschem,  energischen  Handeln  veranlassen  zu  können,  und  mußte  sich  nun  zu
einem  zweiten  eigenmächtigen  Schritt  entschließen,  am  8.  Januar  kam  er  nach  Königsberg
und  übernahm  dort  das  Kommando.  Er  wurde  mit  Jubel  empfangen,  allein  noch  immer
zauderten  Zar  und  König  mit  einem  öffentlichen  Bruch.  Da  erschien  am  21.  Januar
Stein  in  Königsberg  und  damit  änderte  sich  nun  rasch  die  ganze  Sachlage.

Stein  hatte  sich  vom  Zaren  die  Vollmacht  zur  Leitung  der  Provinzialbehörden
geben  lassen,  und  er  war  Bürge  genug  dafür,  daß  die  Provinz  nicht  in  russischem  Interesse
  ausgebeutet  wurde.  Das  Land  galt  sofort  als  tatsächlich  mit  Rußland  verbündet,
man  ordnete  die  Oeffnung  der  Häsen  und  die  Aufhebung  der  Kontinentalsperre  an,  nahm
eine  Anleihe  bei  der  Kaufmannschaft  der  Hafenstädte  auf,  und  verhandelte  zugleich  mit
den  Provinzialbehörden  über  Anstalten  zur  Volksbewaffnung.  Am  5.  Februar  wurde
den  Landständen  das  Landwehrgesetz  vorgelegt  und  ohne  Billigung  des  Königs  genehmigt.
Alexander  Dohna  war  der  erste,  welcher  als  Gemeiner  in  die  Landwehr  eintrat.

Für  alles  das  mußte  freilich  erst  die  Genehmigung  des  Königs  eingeholt  werden.
„Nur  was  unser  allgeliebter  Landesvater  will,  wollen  wir,  und  unter  seiner  erhabenen
Leitung  Preußens  und  Deutschlands  Schmach  rächen,  für  die  Selbständigkeit  unseres
teuren  Vaterlandes  kriegend  siegen  oder  sterben“,  schrieben  die  Landstände  an  den  König
und  beschworen  ihn,  der  Begeisterung  seines  Volkes  freien  Lauf  zu  lassen.

Acht  Tuge  später  kam  denn  auch  zwischen  Preußen  und  Rußland  der  Bundesvertrag
  von  Kalisch  am  28.  Februar  zustande,  in  welchem  sich  Alexander  verpflichtete,
die  Waffen  nicht  niederzulegen,  ehe  Preußen  die  Macht,  die  es  vor  1806  gehabt  hatte,
wiedererlangt  habe.  Zudem  versprach  der  Zar,  daß  die  Eroberungen,  die  man  in  Norddeutschland
  erwarten  durfte,  mit  Ausnahme  Hannovers  zur  Entschädigung  für  Preußen
und  zur  Bildung  eines  abgerundeten  Staatengebietes  für  dasselbe  verwandt  werden  sollten.