Die  Befreinngekriege.  405

Alexander  ging  schon  lange  mit  dem  Gedanken  um  das  polnische  Königreich
wieder  aufzurichten,  und  da  deswegen  Preußen  für  seine  ehemaligen  polnischen  Besitzungen
entschüdigt  werden  sollte,  so  gewann  der  Vertrag  von  Kalisch  noch  eine  ganz  besondere
Bedeutung,  denn  je  mehr  Gebiet  in  Deutschland  zur  Verfügung  stand,  desto  freiere  Hand
hatte  Alexander  in  Polen.  „Diese  Hinterhaltigkeit  Alexanders  erschien  nicht  nur  sehr
häßlich  neben  der  treuherzigen  Offenheit  Friedrich  Wilhelms,  sie  erwies  sich  auch
bald  als  ein  politischer  Fehler,  denn  sie  erschütterte,  als  das  Geheimnis  endlich  an  den
Tag  kam,  das  Vertrauen  zwischen  den  beiden  Mächten,  brachte  das  preußisch-russische
Bündnis  eine  Zeit  lang  ins  Schwanken.  Preußische  Ingenieure  und  Batterien  mußten  bei
der  Belagerung  von  Thorn  und  Modlin  mitwirken,  und  dadurch  wurden  die  für  den
Krieg  notwendigen  Feldzugskräfte  in  einer  Weise  geschwächt,  daß  die  preußischen  Offiziere
allen  Grund  zu  der  Klage  hatten,  daß  dadurch  der  Frühjahrsfeldzug  in  Sachsen  verloren
gegangen  sei.  Ueber  Deutschlands  künftige  Verfassung  beobachtete  man  vorläufig  noch  Stillschweigen;
  Rußland  mußte  nach  dem  Vertrage  von  Kalisch  150  000,  Preußen  nur  80000  Mann
stellen,  und  so  mußte  der  Glaube  entstehen,  daß  Preußen  nur  die  Hilfsmacht  Rußlands
sei.  Allerlei  Nebenumstände  trugen  dazu  bei,  diesen  Glauben  noch  zu  vermehren,  und
es  war  nachgerade  hohe  Zeit,  daß  diese  Ungewißheit  ein  Ende  nahm.

Nork  sah  besorgt  den  Vormarsch  der  Truppen  vor  sich  gehen.  Man  durfte,  das
war  seine  Ueberzeugung,  die  Befreiung  der  Marken  nicht  den  Fremden  allein  überlassen,
und  so  entschloß  er  sich  denn  in  Gemeinschaft  mit  Wittgenstein  auf  eigene  Verantwortung
hin  zu  handeln.  Endlich  erhielt  Nork  von  Breslau  aus  den  Befehl,  sich  an  Wittgenstein
anzuschließen,  am  2.  März  überschritt  dieser  die  Oder,  und  am  10.  März  folgten  die
Preußen.

Schon  am  4.  März  hatten  die  Franzosen  die  Hauptstadt  geräumt.  Der  französische
Gesandte  wurde  von  dem  Staatskanzler  noch  immer  mit  freundlichen  Worten  hingehalten,
und  wurde  auch  über  den  Aufruf  vom  3.  Februar  beruhigt,  da  ihm  Hardenberg  nachwies,
  daß  der  aller  Mittel  entblößte  Staat  solcher  Opfer  seiner  Bürger  bedürfe.  Am
Todestage  der  Königin  Luise  wurde  der  Orden  des  Eisernen  Kreuzes  gestiftet,  am
16.  März  erfolgte  die  Kriegserklärung  und  am  folgenden  Tage  unterzeichnete  Friedrich
Wilhelm  den  „Aufruf  An  mein  Volk“.

Es  war  die  Rückkehr  zur  Wahrheit  und  zum  freien  Handeln,  wie  Schleiermacher
in  einer  freudevollen  Predigt  sagte.  Das  treue  Volk  atmete  auf,  da  nun  endlich  jeder
Zweifel  schwand,  die  allzuharte  Prüfung  der  Geduld  und  des  Gehorsams  vorüber  war.
So  hatte  noch  nie  ein  unumschränkter  Herrscher  zu  seinem  Lande  geredet.  Ein  Hauch
der  Freiheit,  wie  er  einst  die  äschyleischen  Kriegslieder  der  Hellenensöhne  erfüllte,  wehte
durch  die  schlichten,  eindringlichen  Worte,  die  der  geistvolle  Hippel  in  guter  Stunde
entworfen  hatte.  Mit  herzlichem  Vertrauen  rief  der  König  seine  Brandenburger,  Preußen,
Schlesier,  Pommern  und  Lithauer  bei  ihren  alten  Stammesnamen  an  und  entbot  sie  zum
heiligen  Kampfe.  „Keinen  andern  Ausweg  gibt  es,  als  einen  ehrenvollen  Frieden  oder
einen  ruhmvollen  Untergang.  Auch  diesem  würdet  ihr  getrost  entgegengehen,  weil  ehrlos
der  Preuße  und  der  Deutsche  nicht  zu  leben  vermag.“  Und  nun  stand  es  auf,  das  alte,
waffengewaltige  Preußen,  das  Volk  der  Slavenkämpfe,  der  Schwedenschlachten  und  der
sieben  Jahre,  und  ihm  geschah  wie  jenem  Helden  der  pommerischen  Sage,  der  beim
Anblick  seiner  Fesseln  so  in  heißem  Zorn  entbrannte,  daß  die  Ketten  schmolzen.  Kein
Zweifel,  kein  Abwägen  der  Uebermacht  des  Feindes,  alle  dachten  wie  Fichte:  „Nicht