400  Das  Zeitalter  der  Zefreinngökriege.

Siegen  oder  Sterben  soll  unsere  Losung  sein,  sondern  Siegen  schlechtweg.“"  „Mag
Napoleon  noch  so  oft  Schlachten  gewinnen,  schrieb  Scharnhorst,  die  ganze  Anlage  des
Krieges  ist  so,  daß  im  Verlaufe  dieses  Feldzugs  uns  sowohl  die  Ueberlegenheit  als  der
Sieg  nicht  entgehen  kann.“  Schon  der  Aufruf  vom  3.  Februar  hatte  Erfolge,  welche
niemand  außer  Scharnhorst  für  möglich  gehalten.  Es  war  der  stolzeste  Anblick  in
Scharnhorsts  Leben,  als  er  den  König  einst  ans  Fenster  führte  und  ihm  die  jubelnden
Scharen  der  Freiwilligen  zeigte  wie  sie  in  malerischem  Gewimmel,  zu  Fuß,  zu  Roß,  zu
Wagen,  ein  endloser  Zug  sich  an  den  alten  Giebelhäusern  des  Rings  vorbeidrängten.
Dem  Könige  stürzten  die  Tränen  aus  den  Augen.  Treu  und  gewissenhaft  hatte  er  seines
Amtes  gewaltet  in  dieser  langen  Zeit  der  Leiden  und  oftmals  richtiger  gerechnet  als  die
Kriegspartei;  was  ihm  fehlte,  war  der  frohe  Glaube  an  die  Hingebung  seiner  Preußen,
jetzt  fand  er  ihn  wieder.

Und  dieses  Volk  leistete  ein  Unglaubliches.  Ein  Heer  von  271  000  Mann  stand
dem  König  zu  Gebot;  neben  den  alten  Soldaten  war  es  namentlich  die  gebildete  Jugend,
welche  sich  zu  den  Waffen  drängte;  kein  Student  blieb  daheim,  Professor  Steffens  führte
vom  Katheder  weg  seine  Zuhörer  zum  Werbeplatz  der  freiwilligen  Jäger.  Aus  Berlin
stellten  sich  370  Gymnasiasten,  die  Beamten  meldeten  sich  so  zahlreich  zum  Waffendienst,
daß  man  manche  zurücktreiben  mußte,  damit  die  Geschäfte  nicht  stille  standen.

Aber  auch  der  geringe  Mann  wollte  nicht  zurückstehen,  wenn  es  galt,  dem  Vaterlande
  zu  dienen.  Der  Bauer  verließ  seinen  Hof  und  eilte  zum  Heer.  In  Schlesien
arbeiteten  arme  Bergknappen  wochenlang  umsonst,  nur  um  einige  Kameraden  für  den
Felddienst  ausrüsten  zu  können.  „Mit  Verwunderung,  sagt  Treitschke  in  seiner  prächtigen
Beschreibung  dieser  Zeit,  sah  das  alte  Geschlecht  alle  jene  herzerschütternde  Austritte,
woran  der  Ernst  der  allgemeinen  Wehrpflicht  uns  Nachlebende  längst  gewöhnt  hatte.
Hunderte  von  Brautpaaren  traten  vor  den  Altar  und  schlossen  den  Bund  für  das  Leben
einen  Augenblick  bevor  der  junge  Gatte  in  Kampf  und  Tod  hinauszog.  Nur  die  Polen
in  Westpreußen  und  Oberschlesien  teilten  die  Hingebung  nicht;  auch  in  einzelnen  Städten,
die  bisher  vom  Heerdienst  frei  gewesen,  stießen  die  neuen  Gesetze  auf  Widerstand.  Das
deutsche  und  litthauische  Landvolk  der  alten  Provinzen  dagegen  war  seit  dem  gestrengen
Friedrich  Wilhelm  I.  mit  der  Wehrpflicht  vertraut.  Zugleich  wurden  überall  öffentliche
Sammlungen  veranstaltet,  wie  sie  bisher  nur  für  wohltätige  Zwecke  üblich  waren;  dies
arme  Viertel  der  deutschen  Nation  brachte  mit  dem  Blute  seiner  männlichen  Jugend  auch
die  letzten  kargen  Reste  seines  Wohlstandes  zum  Opfer  für  die  Wiederauferstehung  des
Vaterlandes.  Von  barem  Gelde  war  wenig  vorhanden;  aber  was  sich  noch  auftreiben
ließ  von  altem  Schmuck  und  Geschmeide,  ging  dahin.  In  manchen  Strichen  der  alten
Provinzen  galt  es  nach  dem  Kriege  als  eine  Schande,  wenn  ein  Haushalt  noch  Silberzeug
  besaß.  Kleine  Leute  trugen  ihre  Trauringe  in  die  Münze,  empfingen  eiserne  zurück
mit  der  Inschrift  „Gold  für  Eisen",  manches  arme  Mädchen  gab  sein  reiches  Lockenhaar
zum  Opfer.

Ernst  und  heilig  war  diese  Zeit.  Keine  prahlerischen  Reden  wurden  laut,  niemand
rühmte  sich  künftiger  Heldentaten;  die  Gewalt  der  Zeit  hatte  alle  im  Bann  und  im
frommen  Glauben  an  Gottes  Gerechtigkeit  suchte  man  den  Trost,  dessen  man  bedurfte.
Neues  Leben  regte  sich  überall  und  als  von  allen  Seiten  in  kriegsmutigen  Liedern  die
Zuversicht  der  Kämpfer  ertönte,  da  ging  ein  Wehen  durch  Deutschlands  Gaue,  das  aller
Herzen  stärkte.  Daß  der  alte  Goethe  kein  Verständnis  für  diese  Zeit  haben  wollte,  seine