408  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege.

Worte:  „Schüttelt  nur  an  Euren  Ketten,  der  Mann  ist  Euch  zu  groß,“  das  focht  niemand
mehr  an;  wenn  er  schwieg,  so  redeten  für  ihn  gar  viele  andere.  Körners  begeisterte  Schlacht—
und  Freiheitslieder  ertönten,  Rückert  schmiedete  seine  geharnischte  Sonette,  Max  von
Schenkendorf  sang  seine  ernsten  Weisen,  Arndts  zornglühende  Worte  schlugen  in  das
Volk  und  überall  sang  und  klang  es  von  Kampf  und  Sieg.

Am  21.  April  wurde  das  Gesetz  über  den  Landsturm  unterzeichnet.  Wenn  auch  dieser
im  offenen  Kampfe  nur  wenig  Nutzen  zeigte,  so  war  seine  Einrichtung  doch  eine  folgenreiche.
  In  dem  Volke  wurde  das  Bewußtsein  an  die  Gemeinsamkeit  der  Kampfespflicht
befestigt;  die  Feinde  wurden  durch  diesen  Kampf  aller  gegen  alle  in  Schrecken  versetzt,
Scharnhorst  gelang  es  trotz  aller  Widersprüche,  die  sich  erhoben,  ein  ganzes  Volk  zu  einem
kriegsfertigen  Heere  auszubilden.

Napoleons  Kriegspläne  waren  durch  diesen  Abfall  Preußens  natürlich  wesentlich
geändert  worden.  An  einen  Zug  gegen  Rußland  konnte  er  nun,  da  es  zuerst  galt,
Preußen  zu  vernichten,  nicht  denken.  Die  preußische  Kriegserklärung  erwiderte  er  mit
schweren  Beleidigungen  und  ein  Ausgleich  war  somit  undenkbar  gemacht.  Auf  Oesterreichs
  Hilfe  war  kein  Verlaß,  England  feilschte  um  jeden  Schilling  und  verlangte  nicht
allein  Hannover,  sondern  auch  noch  altpreußische  Landesteile  dazu,  auch  das  mit  Rußland
verbündete  Schweden  hatte  mit  Preußen  noch  keinen  Vertrag  abgeschlossen.  Von  den
Staaten  des  Rheinbundes  vollends  ließ  sich  garnichts  erwarten,  ein  Versuch,  Bayern  für
die  preußische  Sache  zu  gewinnen,  scheiterte  vollständig.  Scharf  und  energisch  ging  man
gegen  die  norddeutschen  Staaten  vor.  Alle  deutschen  Fürsten,  die  nicht  in  einer  bestimmten
  Zeit  sich  für  den  Kampf  um  die  Freiheit  entschlossen,  sollten  mit  dem  Verlust
ihrer  Staaten  bedroht  werden.  Noch  schärfer  redete  die  von  Kalisch  ausgehende  Proklamation
  des  russischen  Oberbefehlshabers  Kutusow.  Sie  sprach  die  Hoffnung  aus,  daß
kein  deutscher  Fürst  der  deutschen  Sache  abtrünnig  werde.  Allein  all  diese  Worte  hatten
doch  nur  dann  einen  Wert,  wenn  ihnen  auch  die  Tat  folgte.  Das  geschah  aber  nicht.
Der  König  war  zu  gutmütig,  um  den  König  von  Sachsen  aus  seinem  Lande  zu  vertreiben;
  Friedrich  August  floh  und  gab  auf  alle  noch  so  bestimmten  Anfragen  ausweichende
Antworten.  Alle  diese  diplomatischen  Unterhandlungen  sowie  der  Umstand,  daß  Rußland
die  gesamte  Oberleitung  in  Händen  hatte,  verzögerten  zum  großen  Zorn  der  patriotisch
gesinnten  Männer  den  Beginn  des  Feldzugs  nur  mehr  und  mehr.  Und  doch  hatte  das
preußische  Heer  einen  Mann,  dem  man  alles  Vertrauen  entgegenbringen  durfte,  das  war
der  erste  Feldsoldat  der  deutschen  Heere  Gebhard  Leberecht  von  Blücher.

Seit  dem  Jahre  1806  und  dem  kühnen  Zuge  auf  Lübeck  war  er  die  Hoffnung  der
Armee.  Scharnhorst  lernte  damals  an  Blüchers  Seite,  daß  man  mit  Mut  und  Willenskraft
  alles  auf  der  Welt  überwinde  und  sagte  zu  ihm:  Sie  sind  unser  Anführer  und
Held,  und  müßten  Sie  uns  in  der  Sänfte  vor=  und  nachgetragen  werden.  Nur  mit
Ihnen  ist  Entschlossenheit  und  Glück.  Und  es  war  unendlich  mehr  als  die  Tapferkeit
des  Haudegens,  was  die  Treuen  und  Furchtlosen  so  unwiderstehlich  anzog.  Aus  Blüchers
ganzem  Wesen  sprach  die  innere  Freudigkeit  des  geborenen  Helden,  jene  unverwüstliche
Zuversicht,  welche  das  widerwillige  Schicksal  zu  bändigen  scheint.  Den  Soldaten  erschien
er  herrlich  wie  der  Kriegsgott  selbst,  wenn  der  schöne  hochgewachsene  Greis  noch  mit
jugendlicher  Kraft  und  Anmut  seinen  Schimmel  tummelte;  gebieterische  Hoheit  lag  auf
der  freien  Stirne  und  in  den  großen  tiefdunklen  flammenden  Augen,  um  die  Lippen
unter  dem  dicken  Schnurrbart  spielte  der  Schalk  der  Husarenlist  und  die  herzhafte