410  Das  Zeitalter  der  Befreiuugskriegt.

Lebenslust.  Ging  es  zur  Schlacht,  so  schmückte  er  sich  gerne  mit  all  seinen  Orden,  wie
für  ein  bräutliches  Fest,  und  niemals  in  allen  den  Fährlichkeiten  des  Kriegslebens  ist
ihm  auch  nur  der  Einfall  gekommen,  daß  eine  Kugel  ihn  hinstrecken  könnte.  Gewaltig
war  der  Eindruck,  wenn  er  zu  sprechen  anhob  mit  seiner  schönen  mächtigen  Stimme,  ein
Redner  von  Gottes  Gnaden,  immer  der  höchsten  Wirkung  sicher,  mochte  er  nun  im  gemütlichen
  Platt  mit  Wachtstubenspäßen  und  heiligen  Donnerwettern  die  ermüdeten
Truppen  aufmuntern  oder  den  Offizieren  klar,  bündig,  nachdrücklich  seine  Befehle  erteilen,
oder  endlich  in  festlicher  Versammlung  mit  schwungvollen  Worten  einen  vaterländischen
Ehrentag  verherrlichen.  Wer  täglich  mit  ihm  verkehrte,  wurde  ihm  ganz  zu  eigen,  seine
geliebten  roten  Husaren  hatte  er  so  bis  auf  den  letzten  Mann  in  seiner  Gewalt,  daß  nach
der  unglücklichen  Ratkauer  Kapitulation  kein  einziger  der  Roten  nach  Frankreich  geführt
werden  konnte,  alle  entkamen  den  Siegern,  die  meisten  schlichen  sich  nach  Ostpreußen  zu
ihrem  König  durch.

„Ganz  frei  von  Menschenfurcht,  mit  unumwundenem  Freimut  sagte  Blücher  jedem
seine  Meinung  ins  Gesicht,  und  doch  lag  selbst  in  seinen  gröbsten  Worten  nichts  von
Steins  verletzender  Schärfe.  Seine  Zornreden  kamen  so  gutlaunig  und  trenherzig
heraus,  daß  sich  selten  jemand  gekränkt  fühlte,  und  selbst  der  König  sich  von  ihm  alles
bieten  ließ.  Denn  bei  allem  Ungestüm  war  er  von  Grund  aus  klug,  nicht  blos  im
Kriege  so  verschlagen  und  aller  Listen  kundig,  daß  ihn  Napoleon  ärgerlich  le  vienr
renard  nannte,  sondern  auch  ein  gewiegter  Menschenkenner,  der  jeden  an  der  rechten
Stelle  zu  packen  wußte.  Die  Kunst  des  Befehlens  verstand  er  aus  dem  Grunde,  von
der  Mannschaft  durfte  er  das  Unmögliche  verlangen,  wenn  sein  Vorwärts  aus  den
Augen  blitzte,  und  auch  von  dem  trotzigen  Selbstgefühl  seiner  Generäle  erzwang  er  sich
Gehorsam,  da  er  stets  nur  an  die  Sache  dachte,  nach  jedem  Mißerfolg  alles  hochherzig
auf  seine  Kappe  nahm  und  bei  Streitigkeiten  der  Untergebenen  immer  gutherzig  vermittelte.
  Die  unverwüstliche  Kraft  des  Hoffens  und  Vertrauens  wurzelte  bei  ihm  wie
bei  Stein  in  einer  schlichten  Frömmigkeit.  Obgleich  er  nach  Husarenart  den  Herrgott
zuweilen  einen  guten  Mann  sein  ließ  und  alles  scheinheilige  Wesen  verabscheute,  so  blieb
er  doch  in  tiefster  Seele  seines  einsältigen  Glaubens  froh,  in  schweren  Stunden  tröstete
sich  der  Bibelfeste  gern  an  einem  tapferen  Wort  der  Apostel.  Und  wie  weitab  lag  doch
die  Schlaglust  dieses  gütigen,  menschenfreundlichen  Mannes  von  der  herzlosen  Rohheit
des  Landsknechtes!  Für  die  Kranken  und  Verwundeten  zu  sorgen  war  ihm  heilige
Christenpflicht.  Der  junge  Kronprinz  vergaß  es  nie,  wie  ihn  der  alte  Held  einmal  auf
einem  Schlachtfeld  tief  ergriffen  bei  der  Hand  genommen  und  ihm  all  den  fürchterlichen
Jammer  ringsum  gezeigt  hatte;  das  sei  der  Fluch  des  Krieges,  und  wehe  dem  Fürsten,
der  aus  Eitelkeit  und  Uebermut  solches  Elend  über  seine  Brüder  bringel!“

Vorerst  stand  Blücher  freilich  noch  unter  russischem  Oberbefehl.  Nach  dem  Tode
Kutusows  hatte  General  Wittgenstein  die  Leitung  der  verbündeten  Heere  übernommen.
Am  Tage  nach  dem  Aufruf  des  Königs  brach  Blücher  von  Breslau  auf,  überschritt  bei
Dresden  die  Elbe,  und  rückte,  nachdem  er  fast  ganz  Sachsen  unterworfen  hatte,  bis  in
die  Altenburger  Gegend.  Napoleon  hatte  indessen  alles  aufgeboten,  um  seine  Armee
wieder  zu  vergrößern,  und  noch  immer  wirkte  sein  Name  wie  ein  Wunder.  Noch  ehe
die  Verbündeten  den  Angriff  recht  begannen,  erschien  er  wieder  im  Felde,  er  wußte,  daß
dies  der  entscheidendste  Kampf  seines  Lebens  war  und  die  Unschlüssigkeit  der  Verbündeten
erleichterte  ihm  sein  Vorgehen  mehr  als  er  selbst  dachte.