412  Das  Zeitalter  der  Befteinugskriege.

die  Wunde.  Während  er  in  Böhmen  einsam  auf  dem  Krankenbette  lag,  schweiften  seine
Gedanken  hinüber  zu  dem  vaterländischen  Heere.  Am  28.  Juni  erlag  er  seiner  Wunde;
seine  letzten  Worte  weissagten  den  Deutschen  die  Freiheit.  Tragischer  hat  keiner  geendet
von  den  schöpferischen  Geistern  unserer  Geschichte,  ohne  Scharnhorst  kein  Leipzig,  kein
Belle-Alliance,  kein  Sedan,  und  der  die  Saat  so  vieler  Siege  streute,  sollte  selber  Preußens
Fahne  dafür  niemals  glücklich  sehen.“

Turch  den  Sieg  von  Großgörschen  sestigte  sich  wieder  der  Glaube  an  die  Unüberwindlichkeit
  Napoleons.  König  August  willigte  in  die  Forderungen  des  Kaisers  und  zog
unter  dem  Schutz  der  Franzosen  wieder  in  Dresden  ein.  Torgau  wurde  den  Franzosen
ausgeliesert  und  Napoleon  folgte  nun  den  Verbündeten  überall  hin  nach.  Bei  Bautzen
trasen  die  Heere  wieder  aufeinander,  die  Verbündeten  zögerten  so  lange  mit  dem  Angriff,
bis  Ney  sich  mit  Napoleon  vereinigte  und  nun  etwa  130  000  Franzosen  gegen  80—090  000
Verbündete  standen.

In  der  Schlacht  bei  Bautzen  am  20.  und  21.  Mai  entfaltete  Napoleon  mit  seinen
Generälen  aufs  Neue  sein  glänzendes  strategisches  Talent.  Während  man  auf  Seiten
der  Verbündeten  schon  mit  der  allzuweiten  Aufstellung  einen  Fehler  begangen  hatte,
wußte  Napoleon  bis  zum  Mittag  des  zweiten  Schlachttages  seinen  eigentlichen  Plau  vor
den  Verbündeten  geheim  zu  halten,  und  ermöglichte  es  dadurch  seinem  Marschall  Neydieselben
  zu  umgehen.  Die  Verbündeten  bewiesen  die  zäheste  Tapferkeit  und  konnten  den
Rückzug  in  aller  Ordnung  antreten.  40  000  Tote  deckten  das  Schlachtfeld,  darunter
25  000  Franzosen.

Sofort  nach  dem  Siege  hatte  Napoleon  Oudinots  Korps  nach  Berlin  gesandt.
Allein  dieses  wurde  von  Bülow  und  Oppen  in  einem  blutigen  Gefecht  bei  Luckau  zurückgeworfen,
  ohne  daß  dadurch  freilich  der  Verlust  Hamburgs  an  die  Franzosen  hätte  verhindert
  werden  können.  Am  30.  Mai  zog  Davoust  in  die  Stadt  ein  und  es  brach  nun
dort  eine  Schreckensherrschaft  an,  wie  man  sie  noch  selten  gesehen  hatte.  25  000  arme
Leute  wurden  hinausgetrieben.  Der  offene  Platz  wurde  rasch  mit  Festungswerken  umgeben
  und  wiederum  war  nun  die  feste  Elblinie  von  Dresden  bis  zur  See  in  den
Händen  Frankreichs.

Man  hatte  den  Rat  Hardenbergs  befolgt,  statt  nach  Osten,  sich  südwärts  nach
Schweidnitz  zu  wenden,  um  dadurch  die  Verbindung  mit  Oesterreich  und  die  letzte  Möglichkeit
  eines  Sieges  in  Händen  zu  haben.  In  der  Ebene  von  Haynau  ließ  Blücher
plötzlich  seine  schwere  Reiterei  aus  einem  Hinterhalt  gegen  die  nachrückenden  französischen
Truppen  hervorbrechen  und  warf  dadurch  die  Feinde  soweit  zurück,  daß  diese  die  veränderte
  Marschrichtung  der  Verbündeten  nicht  bemerkten.  So  freudig  nach  diesem  Siege
auch  im  preußischen  Heere  die  Stimmung  war,  bei  den  russischen  Generälen  erlahmte  die
Kriegslust  immer  mehr;  Barclay  de  Tolly,  der  den  Oberbefehl  übernommen  hatte,
erklärte  bestimmt,  seine  Truppen  bedürften  der  Ruhe  und  schon  hatten  die  Russen  den
Abmarsch  über  die  Oder  angetreten,  da  brachte  ein  auffallender  Mißgriff  Napoleons  die
Waffenruhe,  die  den  Verbündeten  zur  Rettung  werden  sollte.

Trotz  seiner  siegesgewissen  Bulletins  täuschte  Napoleon  sich  doch  nicht  über  den
Ernst  seiner  Lage.  Auch  seine  Truppen  waren  bis  aufs  Aeußerste  erschöpft,  sein  Versuch,
Kaiser  Alexander  zu  einem  Separatfrieden  zu  bewegen,  war  gescheitert  und  gerade  jetzt
nach  zwei  Siegen  hätte  sich  ihm  die  Gelegenheit  zu  einem  günstigen  Frieden  geboten.
Allein  Stolz  ließ  ihn  die  österreichischen  Vermittelungsvorschläge  nicht  annehmen,  er