414  Uas  Zeitalter  der  Befreinngektiege.

Metternich  eine  Unterredung  mit  Napoleon  in  Dresden  gehabt  hatte,  die  vom  Nachmittag
bis  in  die  Nacht  hinein  währte.

„In  heftigen  Vorwürfen  machte  der  französische  Kaiser  seinem  langverhaltenen
Groll  über  die  undankbare  und  wortbrüchige  österreichifche  Vermittlungspolitik  Luft,  und
wies  die  ihm  angesonnene  „Kapitulation“,  wie  er  die  doch  wahrhaftig  nicht  ungünstigen
Friedensbedingungen  nannte,  entschieden  und  drohend  zurück.  Zuvor  muß  das  Blut  von
Generationen  vergossen  sein,  und  auf  den  Höhen  des  Montmartre  mit  ihm  unterhaudelt
werden.  Im  Oktober  werde  er  wieder  in  Wien  sein,  äußerte  er  drohend.  „Eure  Souveräne,
die  auf  dem  Thron  geboren  sind,  können  die  Empfindungen  nicht  begreifen,  die  mich  be—
wegen;  sie  kehren  überwunden  in  ihre  Hauptstadt  zurück,  und  sind  nicht  weniger  als  sie
vorher  waren.  Aber  ich  bin  Soldat,  ich  bedarf  der  Ehre  und  des  Ruhmes,  ich  kann
mich  nicht  geschwächt  inmitten  meines  Volkes  zeigen,  ich  muß  groß,  ruhmvoll  und  be—
wundert  bleiben.“  An  einen  Erfolg  der  Friedensverhandlungen  war  bei  solcher  Stimmung
nicht  mehr  zu  denken.  Gleichwohl  nahm  Napoleon  die  österreichische  Vermittlung  im
Prinzip  an.  Es  war  ihm  wohl  nur  um  eine  Verlängerung  des  Waffenstillstandes  zu
tun,  die  denn  auch  bis  zum  10.  August  vereinbart  wurde.“

Unter  solchen  Umständen  hatten  auch  die  Friedensverhandlungen,  die  auf  dem
Kongreß  zu  Prag  noch  einmal  besprochen  wurden,  keine  Aussicht  auf  Erfolg.  Man  hatte
nur  die  Sorge,  es  könnte  am  Ende  doch  noch  eine  Verbindung  zwischen  Napoleon  und
Oesterreich  zustande  kommen,  allein  indessen  wurde  zwischen  Oesterreich  und  England  ein
ganz  geheimer  Vertrag  abgeschlossen,  nach  welchem  dem  habsburgisch-lothringischen  Kaiserhause
  in  Italien  die  Herrschaft  zugesichert  wurde.  Noch  einmal,  kurz  vor  Ablauf  des
Waffenstillstandes  suchte  Napoleon  eine  Verständigung  mit  Metternich;  allein  seine  Vorschläge
  kamen  zu  spät;  ein  österreichisches  Ultimatum  wurde  von  ihm  ausweichend  beantwortet.
  Mit  dem  letzten  Glockenschlag  des  10.  August  erklärten  die  Gesandten  von
Preußen  und  Rußland  ihre  Vollmacht  für  erloschen  und  reisten  aus  Prag  ab.  Am
12.  August  erfolgte  die  österreichische  Kriegserklärung;  so  erwünscht  indessen  der  Beitritt
Oesterreichs  in  militärischer  Hinsicht  war,  so  gab  es  doch  dem  Krieg  eine  andere  und
nicht  gerade  glückliche  Wendung.  „Die  Politik  kleiner  Auskunfte  und  diplomatischen
Flickwerks  nahm  nun  auch  im  Rate  der  Verbündeten  ihren  Platz  ein.  Sie  brachte  ihre
indolente  Scheu  gegen  große  und  durchgreifende  Mittel,  ihre  Abneigung  gegen  eine  gründliche
  Reform  der  deutschen  Verhältnisse  in  den  Kriegsrat,  und  in  die  Diplomatie  des
großen  Hauptquartiers  mit.“  Dadurch  wurde  der  Volkskrieg  mehr  und  mehr  zu  einem
Kampf  der  Kabinette  und  zudem  stand  das  deutsche  Verfassungsprogramm  Oesterreichs
in  einem  merkwürdigen  Gegensatz  zu  demjenigen  Preußens.

Der  Waffenstillstand  mit  seinen  eifrigen  Rüstungen  hatte  indessen  dahingeführt,
daß  man  auf  beiden  Seiten  so  ziemlich  die  gleiche  Macht  zur  Verfügung  hatte.  Die
Verbündeten  konnten  über  eine  Gesamtzahl  von  etwa  800  000  Mann  verfügen.  Das
Heer  in  Böhmen  war  das  stärkste  und  zu  ihm  begaben  sich  nun  die  verbündeten  Monarchen.
Das  Hauptheer  in  Böhmen  stand  unter  dem  Oberbefehl  des  Fürsten  Karl  von  Schwarzenberg,
  an  der  Spitze  des  Nordheeres  stand  der  Kronprinz  von  Schweden,  der  ruhmreiche
Marschall  Bernadotte.  Das  dritte  Heer  das  in  Schlesien  stand,  hatte  zum  Befehlshaber
  den  General  Blücher.  Napoleon  selbst  war  über  den  Kriegsplan  und  die  Aufstellung
  der  Verbündeten  nur  schlecht  unterrichtet.  Indem  er,  was  ihm  sonst  nie  geschah,
dem  Gegner  den  Angriff  überließ,  gab  er  zugleich  die  Entscheidung  aus  der  Hand.