118  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege.

zeigte  Bernadotte  die  Umsicht  des  bewährten  Feldherrn.  Während  Langerons  Russen
auf  der  äußersten  Rechte  der  Angriffslinie  durch  wiederholten  Sturm  den  Feind  aus
Schönefeld  zu  verdrängen  suchten,  traf  die  Hauptmasse  der  Nordarmee  am  Nachmittag
auf  der  Ostseite  von  Leipzig  ein.  Bülow  führte  das  Vordertreffen  und  schlug  das  Korps
Regnier  aus  Paunsdorf  hinaus.  „So  stießen  die  alten  Feinde  von  Großbeeren  abermals
auf  einander,  doch  wie  war  seitdem  die  Stimmung  in  den  sächsischen  Regimentern  umgeschlagen!
  Wunderbar  lange  hatte  die  ungeheure  Macht  des  deutschen  Fahneneids  die
Truppen  des  Rheinbundes  bei  ihrer  Soldatenpflicht  festgehalten;  außer  einigen  vereinzelten
Bataillonen  waren  bisher  nur  zwei  westfälische  Reiterregimenter  zu  den  Verbündeten
übergegangen.  Mit  dem  Glück  schwand  auch  das  Selbstgefühl  der  napoleonischen  Landsknechte;
  sie  begannen  sich  des  Kriegs  gegen  Deutschland  zu  schämen.

Die  Sachsen  fühlten  sich  zudem  in  ihrer  militärischen  Ehre  gekränkt  durch  die  Lügen
der  napoleonischen  Bulletins,  sie  sahen  mit  Unmut,  wie  ihre  Heimat  ausgeplündert,  ihr
König  von  Ort  zu  Ort  hinter  dem  Protektor  hergeschleppt  wurde;  nun  sollten  sie  mit
nach  Frankreich  entweichen,  wenn  Napoleon  die  Schlacht  verlor,  und  Sachsen  ganz  in
die  Gewalt  der  Verbündeten  fiel?  Selbst  die  Franzosen  empfanden  Mitleid  mit  der
unnatürlichen  Lage  dieser  Bundesgenossen,  Regnier  hatte  bereits  den  Abmarsch  der
Sachsen  nach  Torgau  angeordnet,  als  das  Anrücken  der  Nordarmee  die  Ausführung  des
wohlgemeinten  Befehls  verhinderte.  Nur  König  Friedrich  August  zeigte  kein  Verständnis
für  die  Bedrängnis  seiner  Armee,  noch  für  seine  eigene  Schande.  Unwandelbar  blieb
sein  Vertrauen  auf  den  Glücksstern  des  großen  Alliierten,  noch  während  der  Schlacht
verwies  er  seine  Generale  trocken  auf  ihre  Soldatenpflicht,  als  sie  ihn  baten,  die
Trennung  des  Kontingents  von  dem  französischen  Heer  zu  gestatten.  Die  deutsche  Gutmütigkeit
  wollte  dem  angestammten  Herrn  so  viel  Verblendung  nicht  zutrauen.  Die
Offiziere  glaubten  fest,  ihr  König  sei  unfrei;  keineswegs  in  der  Meinung,  ihren  Fahneneid
  zu  brechen,  sondern  in  der  Absicht,  das  kleine  Heer  dem  Landesherrn  zu  erhalten,
beschlossen  sie  das  Aergste,  was  der  Soldat  verschulden  kann,  den  Uebergang  in  offener
Feldschlacht.  In  der  Gegend  von  Paunsdorf  und  Sellerhausen  schlossen  sich  etwa  3000
Mann  der  sächsischen  Truppen  der  Nordarmee  an;  mit  ihnen  eine  Reiterschar  aus
Schwaben.  Die  Preußen  und  Russen  nahmen  die  Flüchtigen  mit  Freuden  auf;  nur  den
württembergischen  General  Normann,  der  einst  bei  Kitzen  die  Lützower  verräterisch  überfallen,
  wies  Gneisenau  mit  verächtlichen  Worten  zurück.  Friedrich  Wilhelms  Ehrlichkeit
aber  hielt  den  Vorwurf  nicht  zurück;  wie  viel  edles  Blut  die  Sachsen  dem  Vaterland
ersparen  konnten,  wenn  sie  ihren  Entschluß  früher,  vor  der  Entscheidung  faßten!  Der
traurige  Zwischenfall  blieb  ohne  jeden  Einfluß  auf  den  Ausgang  der  Völkerschlacht,  doch
warf  er  ein  grelles  Schlaglicht  auf  die  tiefe  sittliche  Fäulnis  des  kleinstaatlichen  Lebens.
Das  Gewissen  des  Volkes  begann  endlich  irre  zu  werden  an  der  Felonie  des  napoleonischen
Kleinkönigtums,  trotz  aller  Lügenkünste  partikularistischer  Volksverbildung  erwachte  wieder
die  Einsicht,  daß  auch  nach  dem  Untergange  des  alten  Reichs  die  Deutschen  noch  ein
Vaterland  besaßen  und  ihm  verbunden  waren  durch  heilige  Pflichten.

„Gegen  fünf  Uhr  vereinigte  Bülow  sein  ganzes  Korps  zu  einem  gemeinsamen
Angriff,  erstürmte  Sellerhausen  und  Stuntz,  drang  am  Abend  bis  in  die  Kohlgärten  vor,
dicht  an  die  östlichen  Tore  der  Stadt.  Da  währenddem  auch  Canpeon  auf  der  Rechten
das  hart  umkämpfte  Schönfeld  endlich  genommen  hatte  und  ebenfalls  gegen  die  Kohlgärten
  herandrängte,  so  war  Ney  mit  dem  linken  Flügel  der  Franzosen  auf  seiner  ganzen