420  Das  Seitalter  der  ZBefreiungokriege.

—  —  —  —

Linie  geschlagen.  Durch  diese  Niederlage  ward  Napoleons  Stellung  im  Zentrum  un—
haltbar.  Noch  am  Abend  befahl  er  den  Rückzug  des  gesamten  Heeres.  Nun  wälzten
sich  die  dichten  Massen  der  geschlagenen  Armee  durch  drei  Tore  zugleich  in  die  Stadt
hinein,  um  dann  allesamt  in  entsetzlicher  Verwirrung  auf  der  Frankfurter  Straße  sich
zu  vereinigen.  Daß  dieser  eine  Weg  noch  offen  blieb,  war  das  Verdienst  des  unglück—
lichen  Giulai,  der  auch  am  dritten  Schlachttage  auf  der  Westseite  nichts  ausgerichtet  hatte,
bis  zur  Saale  hin  hielt  Bertand  den  Franzosen  die  Rückzugsstraße  frei.  Die  Hundert—
tausende,  die  beim  Feuerscheine  von  zwölf  brennenden  Dörfern  auf  dem  teuer  erkauften
Schlachtfeld  lagerten,  empfanden  tief  erschüttert  den  heiligen  Ernst  des  Tages;  unwillkürlich
  stimmten  die  Russen  eines  ihrer  frommen  Lieder  an,  und  bald  klangen  überall,
in  allen  Zungen  Europas  die  Dankgesänge  zum  Himmel  auf.  Die  Sieger  beugten  sich
unter  Gottes  gewaltige  Hand.

Nur  Schwarzenberg  weigerte  sich,  die  russischen  und  preußischen  Garden  zur  Verfolgung
  auszusenden;  noch  beinahe  90000  Mann  konnte  Napoleon  aus  der  Schlacht
retten.  Die  Franzosen  wollten  die  Stadt  nur  so  lange  halten,  bis  der  Rückzug  gesichert
war.  Marschall  Macdonald  leitete  die  Verteidigung,  um  den  Einzug  der  Feinde  einige
Stunden  lang  aufzuhalten.

Von  drei  Seiten  setzten  sich  am  Morgen  des  19.  Oktober  die  Heere  der  Verbündeten
  in  Bewegung,  um  gegen  die  Stadt  vorzurücken.  Noch  einmal  kam  es  zu
heftigen  und  erbitterten  Kämpfen,  und  Preußen  und  Russen  mußten  sich  mit  vieler
Mühe  den  Eintritt  in  die  Stadt  erzwingen.  Durch  ein  Mißverständnis  wurde  die
Elsterbrücke,  die  erst  nach  dem  Rückzug  der  ganzen  Armee  gesprengt  werden  sollte,  zu
frühe  zerstört,  und  Verzweiflung  und  Entsetzen  ergriff  nun  die  Franzosen,  von  denen
ganze  Haufen  die  Waffen  streckten.  Die  Szenen  des  Entsetzens,  die  sich  damals  in  den
Straßen  Leipzigs  abspielten,  spotteten  jeder  Beschreibung.  15  000  Gefangene  und
38  000  Tote  und  Verwundete  hatten  die  Franzosen  zu  verzeichnen,  der  Verlust  der  Verbündeten
  war  noch  bedeutend  größer.

Das  Elend  war  größer,  als  man  sich  nur  denken  konnte.  „Selig,  sagt  ein  Zeitgenosse,
  der  Arzt  Reil,  die  im  Augenblick  edelster  höchster  Pflichterfüllung  den  bitter-süßen
Tod  fürs  Vaterland  starben,  die  im  Vollgefühl  sittlicher  und  Leibeskraft  auf  frei  erkämpfter
  Muttererde  zur  ewigen  Ruhe  sanken;  aber  beweinenswert  war  das  Los  der
vielen  Tausende,  die,  noch  lebensfähig,  aus  schweren  Wunden  blutend,  auf  der  meilenweiten
  Wahlstatt  umherlagen,  mit  Toten,  Sterbenden,  Freunden  und  Feinden  vermengt,
nach  Hilfe  und  Rettung  jammernd  und  doch  keine  fanden.  Tausende  erlagen  den
Qualen  der  Wunden,  dem  Hunger  und  Durst  bei  Tage,  dem  Frost  der  kalten  Oktobernächte,
  ehe  es  gelang,  sie  in  eilig  geschaffene  Hospitäler  zu  bringen.  Und  weit  entfernt,
gerettet  zu  sein,  waren  hier  für  sie  neue  namenlose  Leiden  aufgespart.  Aus  dem  weiten
Leichenfelde  ragten  die  Brandstätten  von  mehr  als  zwanzig  Dörfern  hervor,  deren  Bewohner
  hilflos  und  hungernd  ein  Obdach  suchten.  Eine  Ueberlieferung  meldet,  die  drei
Monarchen  seien  bei  der  Siegesnachricht  auf  dem  Hügel,  wo  sie  die  Schlacht  beobachtet,
niedergekniet,  um  Dankgebete  zum  Himmel  emporzusenden.  Es  war  die  rechte  ungesuchte
Siegesfeier  dieses  heiligen  Kriegs.  Wer  hatte  mehr  Ursache  zum  Dank  als  die  Fürsten,
welche  dieser  Sieg  aus  der  Schmach  von  Austerlitz  und  Jena  wieder  emporhob?  Den
Gewaltigen,  der  bis  in  diese  letzten  Stunden  größer  und  überlegener  war  als  sie,  hatte
die  Gottheit  mit  blindem  Uebermut  geschlagen,  bis  seine  Riesenmacht  vor  den  Schwächeren