422  Das  Seitalter  der  Befreinngskriege.

im  Staube  lag.  Den  Völkern  hatte  sie  den  rechten  Zorn  und  den  guten  Glauben  an
die  eigene  Kraft  zurückgegeben,  auf  daß  sie  in  heroischer  Hingebung  sühnten,  was  vor
allen  die  Könige  und  ihre  Berater  verschuldet  hatten.“

„Am  24.  Oktober  besuchte  König  Friedrich  Wilhelm  seine  Hauptstadt.  Es  drängte
ihn,  am  Grabe  seiner  Gemahlin  zu  beten,  denn  überall  auf  dieser  wilden  Kriegsfahrt
war  ihr  Bild  ihm  zur  Seite  gewesen,  und  auch  unter  den  Truppen  hieß  es  immer
wieder:  warum  durfte  die  Königin  das  nicht  erleben?  Dann  erschien  er  im  Theater;  das
„Heil  Dir  im  Siegerkranz“  brauste  durch  den  Saal,  diesmal  mit  besserem  Rechte  als
einst,  da  das  dünkelhafte  Geschlecht  der  neunziger  Jahre  sich  zuerst  an  den  prächtigen
Klängen  weidete.  Vor  sieben  Jahren  am  nämlichen  Tage  war  Napoleon  durch  das
Brandenburger  Tor  eingeritten,  und  welch  ein  Wandel  seitdem!  Wie  hatte  sich  doch
dieser  verstümmelte  Staat  mit  seinen  fünf  Millionen  Menschen  wieder  aufgeschwungen
auf  die  Höhe  der  Geschichte.  Mochten  die  Männer  der  Kriegspartei  von  1811  geirrt
haben  in  der  Wahl  des  Augenblicks,  zu  groß  hatten  sie  nicht  gedacht  von  ihrem  Volke.
In  jenen  Tagen  schrieb  eine  englische  Zeitung:  „Wer  gab  Deutschland  das  erste  Beispiel
des  Abfalls  von  Napoleon?  Die  Preußen.  Wer  hielt  die  Schlachten  von  Lützen  und
Bautzen?  Die  Preußen.  Wer  siegte  bei  Heynau?  Die  Preußen.  Wer  bei  Großbeeren,
bei  Katzbach  und  Dennewitz?  Immer  die  Preußen.  Wer  bei  Culm,  Wartenburg,  Möckern
und  Leipzig?  Die  Preußen,  immer  die  Preußen.  Wie  eine  Drohung  klang  dies  stolze
die  Preußen,  immer  die  Preußen  dem  Kaiser  Franz  und  den  Fürsten  des  Nheinbundes!
Welcher  Zukunft  ging  Deutschland  entgegen,  wenn  dieser  Stand  seine  alte  Macht  zurückerlangte?“


Durch  die  Leipziger  Schlacht  war  das  ursprüngliche  Ziel  des  Krieges  gesichert;  die
Auflösung  des  Rheinbundes  und  die  Befreiung  Deutschlands  bis  zum  Rhein.  Aber  mit
dem  Erfolg  wuchs  die  Hoffnung.  Am  Tage  nach  dem  Sturm  trafen  sich  Stein  und
Gneisenau  auf  dem  Markte  zu  Leipzig,  und  gaben  sich  die  Hand  darauf,  daß  dieser
Kampf  nicht  anders  enden  dürfe  als  mit  dem  Sturze  Napoleons  und  der  Wiedereroberung
  des  linken  Rheinufers.  Was  vor  wenigen  Wochen  noch  den  Kühnen  selber
unmöglich  däuchte,  erschien  jetzt  mit  einemmale  nahe  und  erreichbar.  Auf  Steins  Geheiß
ging  der  getreue  Arndt  sofort  an  die  Arbeit;  er  sammelte  aus  dem  reichen  Schatze
seines  Wissens  alle  die  historischen  Erinnerungen  und  romantischen  Bilder,  deren  er
bedurfte,  um  auf  sein  gelehrtes  Volk  zu  wirken,  und  lebte  sich  ein  in  eine  Anschauung,
welche  damals  noch  neu,  bald  eine  treibende  Kraft  des  Jahrhunderts  werden  sollte:
in  den  Gedanken,  daß  am  letzten  Ende  die  Sprache  und  historische  Eigenart  der
Nation  die  Grenzen  der  Staaten  bestimme.  Und  so,  noch  unter  dem  frischen  Eindruck
der  herrlichen  Schlacht  schrieb  er  das  wirksamste  seiner  Bücher,  die  fröhliche  Lösung
für  die  Kämpfe  der  nächsten  Monate:  Der  Rhein  Deutschlands  Strom,  nicht  Deutschlands
  Grenze.

Jetzt  wo  die  französischen  Heere  den  deutschen  Boden  verließen,  schien  auch  die
Auflösung  des  Rheinbundes  sicher  zu  sein.  Noch  konnten  sich  zwar  die  Fürsten  im
Süden  und  Westen  nicht  an  den  Gedanken  gewöhnen,  daß  nun  mit  einemmale
Napoleons  Herrschaft  sollte  ihr  Ende  erreicht  haben,  so  lange  als  nur  irgend  möglich
richtete  man  sich  an  den  kleinen  Höfen  an  den  Lügenberichten  des  Moniteur  immer
wieder  auf  und  erst  dann,  als  man  die  Nachricht  von  dem  Niedergang  des  französischen
Glückes  auf  keine  Weise  mehr  bezweiseln  konnte,  sagte  man  sich  gezwungen  von  dem