426  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege.

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diesem  nicht  den  Oberbefehl  über  die  Hauptstadt,  wo  er  am  meisten  am  Platze  gewesen
wäre,  sondern  des  Kaisers  Bruder  Josef,  der  sofort  nach  Erstürmung  des  Montmartre
durch  die  Verbündeten  den  Oberbefehl  niederlegte  und  Paris  verließ.  Die  Stadt  mußte
vertragsweise  übergeben  werden.

„Lange,  so  schildert  Treitschke  die  Stimmung  in  diesen  Tagen,  hielten  die  Generäle
neben  den  Mächten  auf  der  Höhe  und  betrachteten  schweigend  die  bezwungene  Stadt;  die
stumpfen  Türme  von  Notre  Dame  und  die  Kuppel  des  Pantheon  glänzten  im  Abendlicht.
Neunhundert  Jahre  waren  vergangen,  seit  unser  Kaiser  Otto  II.  auf  diesen  Hügeln  seine
Adlersahnen  aufpflanzte  und  die  Stadt  da  drunten  durch  die  Hallelujah-Rufe  seiner  Streiter
schreckte;  seitdem  waren  Engländer  und  Spanier  und  auch  einzelne  Reiterhaufen  deutscher
Landsknechte  bis  in  das  Herz  der  französischen  Macht  eingedrungen,  doch  niemals  wieder
ein  deutsches  Heer.  Wie  furchtbar  war  dann  das  unglückliche  Deutschland  durch  die
Uebermacht  und  den  Uebermut  dieses  bösesten  aller  Nachbarn  mißhandelt  worden,  also
daß  schon  der  große  Kurfürst  zu  der  Einsicht  kam,  nur  ein  Zug  nach  Paris  könne  dem
Weltteil  die  Staatenfreiheit,  das  dauernde  Gleichgewicht  der  Mächte  wiedergewinnen.
Nun  lag  das  neue  Rom  gebändigt,  eine  unabsehbare  Zukunft  voll  friedlichen  Völkerglücks
schien  sich  aufzutun  vor  den  entzückten  Blicken  des  Kampfes  um  die  Welt.  Die  Deutschen
glaubten  das  Unrecht  zweier  Jahrhunderte  gesühnt,  als  am  nächsten  Tage  der  Zar,  der
König  und  Schwarzenberg  an  der  Spitze  der  verbündeten  Heere  ihren  Einzug  hielten
durch  das  Martinstor,  das  noch  an  König  Ludwigs  Eroberungsfahrten  erinnerte;
darauf  ging  der  Zug  unter  dem  rasenden  Jubel  der  dichtgedrängten  Volksmassen  die
breiten  Boulevards  entlang  nach  dem  Platze  Ludwigs  XV.,  wo  einst  die  Guillotine  ihre
Blutarbeit  getan,  dann  auf  die  Elysäischen  Felder  zur  prunkenden  Heerschau.  Wer  hätte
sich  auch  nur  träumen  lassen,  daß  dieselben  preußischen  Fahnen  noch  zweimal  binnen
zweier  Menschenalter  desselben  Wegs  ziehen  würden?  Glücklicher  war  doch  niemand  als
jene  beiden  großen  Deutschen,  die  nun  glorreich  erfüllt  sahen,  was  sie  sich  einst  auf  dem
Leipziger  Markt  in  die  Hand  versprochen  hatten.  Gneisenau  schrieb:  „Was  Patrioten
träumten  und  Egoisten  belächelten,  ist  geschehen.“  Stein  aber  sagte  in  seiner  wuchtigen
Weise:  „Der  Mensch  ist  am  Boden.“

Noch  an  demselben  Tage  fand  in  Tayllerands  Hause  eine  Beratung  über  die
künftige  Verfassung  Frankreichs  statt.  Noch  hatte  man  sich  nicht  darüber  entschlossen,  wer
in  Zukunft  das  Regiment  erhalten  sollte.  Alexander  hatte  wiederholt  die  Ansicht  geäußert,
  daß  einzig  und  allein  der  Wunsch  der  Franzosen  betreffend  eine  Friedensschließung
  den  Ausschlag  geben  werde.

.Indessen  genossen  die  Sieger  in  vollen  Zügen  die  Freuden  des  üppigen  hauptstädtischen
  Lebens.  Den  Parisern  brachte  die  Eroberung  durchaus  kein  Ungemach,  da
die  Alliierten  aus  zärtlicher  Schonung  gegen  die  Gefühle  der  Besiegten  ihre  Truppen
längere  Zeit  auf  den  Plätzen  bivonakieren  ließen,  sondern  nur  Gelegenheit  zu  leichtem
Gewinn.  Viele  reiche  englische  Familien  eilten  an  die  Seine  zu  den  lang  entbehrten
Genüssen  der  Stadt  des  Vergnügens.  Das  Geld  floß  in  Strömen.  Die  Caféhäuser
in  den  Galerien  des  Palais  Royal  und  die  Spielhöllen  an  den  Boulevards  freuten  sich
der  glänzenden  Geschäfte  und  der  guten  Kundschaft  des  preußischen  Feldmarschalls,  der
nach  vollbrachter  Kriegsarbeit  das  Blüchern  nicht  mehr  lassen  konnte;  allabendlich  saß
er  stundenlang  mit  Frack  und  Ordensstern  über  den  geliebten  Karten,  mit  kaltblütiger