428  Das  Jeitalter  der  ZBefreiungokriege.

die  beiden  noch  älteren  Herzoge  von  Candé  und  Bourbon,  der  eine  von  ihnen  fest  eingeschlafen,
  da  fragten  die  verwundert  zuschauenden  Offiziere,  ob  dies  Greisenregiment  die
Herrschaft  eines  Napoleon  antreten  solle.  Und  dann  jenes  sonderbare  Gegenstück  zu  den
majestätischen  Siegesfesten  des  Soldatenkaisers,  die  Heerschau  vor  den  Tuilerien,  droben
auf  dem  Altane  der  alte  Herr  in  seinem  Lehnstuhle,  drunten  die  Truppen  gehorsam  ihr
Vive  le  Roy  rufend,  und  zuletzt  ein  gnädiges  Kopfnicken  des  Königs.  Der  Bourbone
fühlte  sich  seines  Thrones  völlig  sicher,  trat  den  Verbündeten  mit  naiver  Anmaßung
entgegen,  beanspruchte  als  vornehmster  Fürst  der  Christenheit  in  seinem  eigenen  Schloß
den  Vortritt  vor  den  drei  Monarchen,  denen  er  alles  verdankte."

Wenn  nun  auch  bei  den  Verbündeten  die  Notwendigkeit  feststand,  um  der  europäischen
  Ruhe  willen  den  Imperator  zu  beseitigen,  so  konnte  man  am  Ende  doch  der
Einsetzung  des  „Königs  von  Rom“  als  Regenten  nichts  entgegensetzen;  auf  weiten  Umwegen
  nur  vermochte  Artois.  des  Königs  Bruder,  von  der  Schweiz  aus  nach  Vesoul  und
Nancy  vorzudringen;  in  Zordeaux  nahm  Bensford  im  Namen  des  englischen  Königs
Besitz  von  der  Stadt.  Erst  nach  dem  Einzug  der  Verbündeten  gelang  es  einigen  bourbonistischen
  Agenten,  die  Einsetzung  Ludwigs  XVIII.  durchzuführen.

Namentlich  das  Werk  Talleyrands  war  es,  daß  nun  im  April  1814  eine  provisorische
Regierung  niedergesetzt  wurde,  welche  bis  zur  Herstellung  einer  neuen  Ordnung  die
Staatsgeschäfte  leiten  sollte.  Auf  den  Antrag  dieser  Regierung  hin  sprach  dann  am
2.  April  1814  der  Senat  die  Thronentsetzung  Napoleons  aus  und  entband  das  Volk
seines  Eides  der  Treue.  Zugleich  hatte  man  eine  Kommission  gewählt,  um  einen
Gesetzesentwurf  vorzubereiten,  und  es  galt  nun,  die  Stadt  und  das  Land  für  die  Senatsverfassung
  und  die  Wiedereinsetzung  des  „legitimen“  Königshauses  zu  bearbeiten.  In
diesen  Tagen  erfuhr  Napoleon,  wie  kurz  die  Volksliebe  sei;  überall  bestrebte  man  sich
nun  offenbar  Namen  und  Andenken  Napoleons  zu  schmähen,  wo  man  nur  konnte,  und
den  Siegern  Unterwürfigkeit  zu  zeigen.

Indessen  verweilte  Napoleon  mit  wenig  Getreuen  in  Fontainebleau.  Auf  die  Kunde
von  seiner  Absetzung  hin  wollte  er  nach  Paris  aufbrechen  und  seine  Soldaten  waren
bereit  ihm  zu  folgen,  allein  seine  Marschälle  rieten  ihm  davon  ab.  Einige  Gesandte
gingen  nun,  von  ihm  abgeschickt,  nach  Paris;  Talleyrand  benahm  sich  zurückhaltend,
Alexander  schien  nicht  abgeneigt,  auf  die  Anerbietungen  Napoleons  einzugehen.  Aber
am  Ende  mußte  auch  er  auf  dem  Verlangen  unbedingter  Thronentsagung  bestehen,  und
so  sehr  auch  Napoleon  nach  einem  andern  Ausweg  suchen  mochte,  er  fand  keinen.  Er
mußte  die  unbedingte  Entsagungsnote  unterzeichnen,  nach  welcher  er  die  Insel  Elba  zum
Eigentum  mit  einem  jährlichen  Einkommen  von  2  Millionen  Francs  erhielt,  und  400  Mann
seiner  Garde  mit  sich  nehmen  durfte.

Am  30.  Mai  1814  wurde  zwischen  Talleyrand  und  den  Verbündeten  der  Pariser
Friede  abgeschlossen,  nach  welchem  Frankreich  den  Gebietsumfang  von  1792  nebst  den
Enklaven  von  Avignon,  Venaissin  und  Mömpelgard,  mit  einem  Landzuwachs  im  Osten,
einem  Landstrich  an  der  belgischen  Grenze  mit  der  wichtigen  Maasfestung  Givet  und
einer  Ausdehnung  des  Elsaß  über  die  altpfälzischen  Gebiete,  die  zwischen  der  Weißenburger
  Linie  und  der  Festung  Landau  liegen  erhielt.  Mit  einer  solchen  Grenzbestimmung
waren  freilich  weder  die  Franzosen  noch  die  Deutschen  recht  einverstanden,  zumalen  auch
die  Provinzen,  die  Frankreich  an  England,  Portugal  und  Schweden  verloren  hatte,  zurück-