Der  Wiener  Kougreß.  429

gegeben  werden  sollten.  Zugleich  bestimmte  man,  daß  innerhalb  zwei  Monaten  von
allen  Regierungen  Bevollmächtigte  nach  Wien  gesandt  werden,  um  auf  einem  allgemeinen
europäischen  Kongreß  die  Ordnung  und  Neugestaltung  der  Dinge  zu  beraten.  Dann
verließen  die  fremden  Heere  den  Boden  Frankreichs,  der  Kaiser  von  Rußland  und  der
König  von  Preußen  setzten  über  den  Kanal  um  ihrem  Verbündeten  in  London  einen
Besuch  abzustatten.  Siegeszeichen,  welche  die  Franzosen  in  früheren  Kriegen  mit  sich
nach  Paris  genommen  hatten,  wie  die  Viktoria  von  dem  Brandenburger  Tor  in  Berlin,
brachte  man  wieder  in  die  Heimat  zurück.

Der  Wiener  Kongrewß.

Eine  glänzendere  Versammlung  als  den  Wiener  Kongreß  hatte  die  Welt  seit  dem
Konstanzer  Konzil  nicht  gesehen.  Die  ganze  Herrlichkeit  des  alten  Wesens,  die  durch
die  Revolution  und  die  kriegerischen  Umwälzungen  der  letzten  zwei  Jahrzehnte  so  unsanft
an  den  Anbruch  einer  neuen  Zeit  erinnert  worden,  konnte  sich  noch  einmal  entfalten,
und  die  Frivolität  und  Gedankenarmnt  der  herrschenden  Kreise  überwand  bald  die
Erinnerungen  selbst  an  diese  ergreifenden  Erschütterungen.  In  der  vornehmen  Gesellschaft
zu  Wien  herrschte  bald  wieder  der  alte  leichte  Esprit,  die  frivole  Genußsucht,  die  raffinierte
Eleganz  und  auch  die  leere  Fadheit,  wie  sie  einst  in  den  französischen  Salons  vor  der
Revolution  gewaltet.  Damit  vertrug  sich  sehr  wohl  der  legitimistische,  reaktionäre,
frömmelnde  Ton  und  Anstrich,  der  als  Rückschlag  der  Revolution  allerwärts  Mode
wurde.  Und  wie  die  Sitten  und  Lebensanschauungen  der  vornehmen  fürstlichen,  höfischen
und  diplomatischen  Kreise  wieder  ganz  an  die  alte  Zeit  anknüpften,  so  zeigte  auch  die
Staatskunst  des  Wiener  Kongresses  wenig  schöpferischen  Geist  und  reformatorisches
Streben.  Mit  bewundernswecter  Gemütsruhe  und  Unbefangenheit  ignorierte  man  die
Zeichen  der  Zeit,  die  Stimmungen  und  Bewegungen  der  Völker,  die  Umwälzungen,  die
im  politischen  Leben  und  Denken  der  Nationen  vorgegangen.  Ueber  die  ganze  Summe
welterschütternder  Fragen,  die  damals  an  die  Weisen  und  Mächtigen  der  Erde  herantraten,
  setzte  man  sich  leicht  hinweg,  indem  man  die  notwendigsten  Gebietsverteilungen
ordnete,  die  legitimen  Fürstenhäuser  auf  die  verlorenen  Throne  zurückführte,  das  alte
System  des  europäüischen  Gleichgewichts  nach  Kräften  herstellte,  der  Politik  der  Restauration
und  Reaktion  allenthalben  möglichst  vollständig  zum  Sieg  verhalf  und  die  neue  Weltordnung
  dauernd  begründet  zu  haben  glaubte,  wenn  man  für  den  Augenblick  notdürftig
Ruhe  geschafft.  Die  geistige  Ermattung  und  Abspannung,  die  nach  einem  Vierteljahrhundert
  voll  Aufregung  und  Erschütterung  einem  Gesetze  der  Natur  entsprach,  zeigte  sich
aufs  Klarste  in  den  dürfstigen  geistesarmen  Schöpfungen  des  Wiener  Kongresses,  namentlich
in  der  Ordnung  der  deutschen  und  italienischen  Verhältnisse.  Auch  in  einzelnen  Fragen,
wo  sich  ein  lebendiges  europäisches  Gemeingefühl,  das  Bewußtsein  solidarischer  Interessen
der  Staatsgesellschaft,  das  Streben  nach  einem  friedlichen  internationalen  Verkehr  oder
der  Erfüllung  gemeinsamer  Kulturaufgaben  kundgab,  wurden  doch  nur  matte  Anläufe
genommen,  so  in  der  Frage  der  Schiffahrt  auf  den  konventionellen,  mehreren  Staaten