430  Das  Jeitalter  der  Hefreinugskriege.

gemeinsamen  Flüssen,  so  in  der  Einigung  über  die  Abschaffung  des  Negerhandels.
Immerhin  aber  ward  damit  eine  der  alten  Zeit  fremde  Bahn  gebrochen,  „für  eine  lange
Reihe  von  Verträgen,  welche  das  Netz  des  völkerverbindenden  Verkehrs  immer  enger
flochten,  den  Rechtsschutz  für  die  Ausländer  immer  sicherer  stellten.“  Die  territorialen
Abmachungen  des  Wiener  Kongresses  zeigten  im  Grunde  dasselbe  willkürliche  Schalten
mit  Kronen  und  Völkern,  wie  es  die  revolutionäre  Staatskunst  Napoleons  kennzeichnet,
dieselbe  Geringschätzung  des  historisch  Gewordenen  und  national  Zusammengehörigen,
dieselbe  rein  statistisch-mechanische  Betrachtungsweise  der  Völker,  denselben  Handel  mit
Köpfen  und  Seelen.  „Man  machte  in  Wien,"“  sagt  Germinus,  „Staaten  wie  Fabrikwaren
  schnell  fertig,  aber  gebrechlich.  Die  monarchische  Anhänglichkeit  aller  treuen
Untertanen,  die  sittliche  Tüchtigkeit  der  Stämme  wog  nicht  in  der  Schale,  sondern  es
galt  nur  um  die  Bilanz  der  Kopfzahl  oder  der  Steuerfähigkeit.  Das  Recht  und  der
Besitz  der  Unabhängigkeit  der  Völker  war  nicht  geachtet,  wo  sie  ungelegen  war.  Die
Anziehungs=  und  Abstoßungskraft  des  nationalen  IJnstinkts,  die  mächtigste  Kraft  in
lebensfähigen  Bölkern  ward  nicht  angeschlagen.“  Die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  war
so  wenig  ein  Grund  für  Staatenbildungen  wie  die  Verschiedenheit  der  Religionen  oder
Rassen  ein  Hindernis.  Das  Wiener  Kongreßwerk  zeigte  auf  jedem  Blatte  seinen
napoleonischen  Charakter  und  die  Aera  des  ewigen  Friedens,  die  Optimisten  und
Idealisten  daraus  hervorgehen  sahen,  erwies  sich  denn  auch  nach  wenigen  Jahren  schon
als  ein  frommer  Traum.  So  wenig,  wie  die  nationalen  Bedürfnisse  der  Völker
befriedigt  wurden,  ist  der  Wiener  Kongreß  auch  den  freiheitlichen  Forderungen  gerecht
geworden.  Die  volkstümlichen  Verfassungen,  konstitutionellen  Ordnungen  und  bürgerlichen
  Freiheiten,  die  den  ermüdeten  und  getäuschten  Völkern  vielfach  versprochen  wurden
oder  gewahrt  werden  sollten,  gingen  bald  in  der  allgemeinen  Reaktion  unter.  Die  gegebenen
  Versassungen  wurden  verkümmert,  die  versprochenen  nicht  gewährt.

Unter  dem  glänzenden  und  rauschenden  Treiben  des  Kongresses  wollten  die  ernsten,
mühsamen  Arbeiten  lange  nicht  in  Fluß  kommen.  Die  Welt  erfuhr  monatelang  sast
nichts  von  staatsmännischen  Verhandlungen,  dafür  staunte  sie  aber  über  die  glanzvollen
Schilderungen  der  Feste  und  Lustbarkeiten  aller  Art.  In  einem  steten  Rausche  wechselten
Privatbälle  und  Hofredouten,  Maskeraden  und  lebende  Bilder,  Feuerwerke  und  Karusselle,
Jagden,  Wagen=  und  Reiterzüge,  Musterungen  und  Feldübungen  der  Truppen;  heute
ein  wenig  passendes  Totenamt  für  Ludwig  XVI.,  am  Abend  Ball,  am  andern  Tag  eine
prachtüberladene  Schlittenfahrt.  Die  Staffage  in  diesem  großen  Zeitbilde  war  von  der
außerordentlichsten  Mannigfaltigkeit.  In  dem  engen  Stadtraum  von  Wien  zusammengedrängt
  wogten  so  viele  Fürsten  mit  ihrem  Gefolge,  so  viele  literarische,  kriegerische
und  politische  Erößen,  der  prunksüchtige  Adel  von  Oesterreich,  Ungarn  und  Böhmen  mit
seinen  fremden  Gästen,  die  leichtfertigen  Witzlinge  des  Salons,  die  deutschtümelnden  oder
weltbürgerlichen  Sonderlinge,  Wüstlinge  und  Abenteurer,  Gaukler  und  Spieler,  Tänzer
und  Sänger  in  Masse  durcheinander;  die  verfeinerten  Leidenschaften  des  Westens  kreuzten
sich  mit  den  roheren  der  halborientalischen  Großen.  Auf  dem  glatten  Parkett  der  Wiener
Salons  wogte  nun  diese  bunte  glänzende  Gesellschaft:  Kaiser,  Könige  und  Fürsten,
Prätendenten,  ernste  Staatsmänner  und  leichtfertige,  intriguante  Diplomaten,  Standesherren,
  Reichsritter,  Geistliche  und  Gelehrte,  Gauner  und  Abenteurer,  vornehme  und
kokette  Damen,  alles  drängte  sich  herzu,  was  unter  den  großen  Umwälzungen  gelitten,
was  gerechte  und  ungerechte  Hoffnungen  hatte,  in  diesem  Ränkespiel  etwas  zu  erwerben,