432  Das  Zeitalter  der  Befreinngskriege

und  wer  begierig  war,  sich  wieder  einmal  in  dem  glänzenden  Treiben  der  alten  aristokratischen
  Welt  zu  ergehen.  Den  Mittelpunkt  der  erlauchten  Gesellschaft  bildete  der
Gastgeber  Kaiser  Franz  von  Oesterreich,  der  mit  dem  vielgerühmten  äußeren  Schein  des
biedern,  treuherzigen,  einfachen,  gemütlichen  Wesens  viel  kalte  Berechnung,  Schlauheit,
Herzenshärte  und  Mißtrauen  verband.  Von  großen  Monarchen  war  außer  dem  Kaiser
Alexander  und  König  Friedrich  Wilhelm  III.  der  Schwarm  kleiner  deutscher  Fürsten  fast
vollständig  anwesend.  Der  achtzigjährige  Prinz  von  Ligne,  der  Spaßmacher  des  Kongresses,
  ergötzte  die  vornehmen  Gäste  durch  seine  witzigen  Einfälle,  und  gab  schließlich
der  Versammlung  ein  Schauspiel,  das,  wie  er  sagte,  ihr  doch  kein  anderer  bieten  könne,
nämlich  das  Schauspiel  des  Leichenbegängnisses  eines  österreichischen  Feldmarschalls,  als
Abwechslung  in  der  eintönigen  Flucht  der  glänzenden  Lustbarkeiten.  Mitunter  erbaute
sich  die  vornehme  Gesellschaft  auch  an  den  derben  Kapuzinaden  des  Mönches  und  Schicksalstragöden
  Zacharias  Werner.

Die  Eröffnung  des  Kongresses  wurde  länger  hinausgeschoben  als  man  ursprünglich
beabsichtigt  hatte.  Erst  im  September  fanden  sich  alle  Bevollmächtigten  in  Wien  ein  und  auch
dann  noch  ging  man  nicht  sofort  ernstlich  an  die  Geschäfte.  Den  offiziellen  Mittelpunkt  und
geschäftsleitenden  Ausschuß  bildeten  Oesterreich,  Preußen,  Rußland,  England,  Frankreich,
Schweden,  Spanien,  Portu  al.  Der  Ausschufß  freilich  trat  niemals  recht  in  Geltung.  Esgelang
Talleyrand  bald,  die  Dinge  so  zu  verwirren,  daß  niemand  mehr  über  den  eigentlichen
Stand  der  Dinge  klar  werden  konnte.  Die  Frage,  welche  Mächte  an  den  Entscheidungen
über  die  einzelnen  Fragen  teilnehmen  sollten,  wurde  immer  unklarer.  Die  offiziellen
Verhandlungen  erlitten  durch  allerhand  geheime  und  persönliche  Abmachungen  Schädigungen
  und  während  am  Ende  der  große  europäische  Ausschuß  nur  Geschäfte  sormaler
Art  zu  erledigen  hatte,  lag  dagegen  der  Schwerpunkt  der  Verhandlungen  in  den  Konferenzen
  der  einzelnen  Staatsmänner.

Unter  den  territorialen  Fragen  war  es  namentlich  die  sächsische,  mit  welcher  sich  der
Kongreß  eingehend  zu  beschäftigen  hatte.  Preußen  hatte  ein  großes  Interesse  daran,  das
Land  zu  erwerben,  in  den  Handels=  und  Gewerbekreisen  Leipzigs  wäre  man  mit  einer
Vereinigung  mit  Preußen  vollständig  einverstanden  gewesen,  aber  Adel  und  Beamten
wollten  davon  nichts  wissen  und  Talleyrand  und  Metternich  waren  eifrig  bemüht,  diese
Stimmung  zu  steigern.  In  engem  Zusammenhang  damit  stand  die  polnische  Frage;
allein  dieselbe  trat  bald  wieder  hinter  die  sächsische  Frage  zurück,  über  welche  sich  die
Verhandlungen  immer  mehr  und  mehr  zuspitzten.  Von  der  österreichisch-französischen
Politik  war  nicht  zu  erwarten,  daß  sie  den  Besitz  Sachsens  Preußen  gönnen  werde;
Metternich  brachte  den  Gedanken  an  eine  Teilung  in  Anregung,  allein  Hardenberg  wies
dieses  Ansinnen  anfangs  entschieden  zurück,  und  durch  die  verschiedenen  diplomatischen
Verhandlungen  spitzte  sich  die  Sache  allmählich  so  zu,  daß  man  die  Entscheidung  nur
durch  die  Waffen  glaubte  herbeiführen  zu  können.  Metternich  hegte  den  Plan  eines
Deutschen  Bundes  ohne  Preußen,  und  aufs  neue  betrieb  man  nun  die  Kriegsrüstungen.
Zwischen  Frankreich,  England  und  Oesterreich  kam  nun  ein  förmliches  Bündnis,  angeblich
zur  gegenseitigen  Verteidigung,  zustande.  In  Polen,  Böhmen,  den  Niederladen  und  am
Nhein  zog  man  Truppen  zusammen,  und  schon  hatte  man  Wrede  zum  Feldmarschall  der
Liga  bestimmt,  da  besann  man  sich  im  letzten  Augenblick  doch  noch,  es  bis  zum
äußersten  kommen  zu  lassen.  Von  England  und  Preußen  aus  machte  man  alle  nur
irgendwie  möglichen  Zugeständnisse;  Hardenberg  suchte  sich  mit  dem  Gedanken  an  eine