434  Das  Jeitalter  der  Sefreiungskriege.

das  Gebäude  des  alten  Reichs  in  den  Jahrhunderten  des  Niedergangs.  Ihr  fehlte  jene
Majestät  der  historischen  Größe,  die  das  Reich  der  Ottonen  noch  im  Verfall  umschwebte.
Blank  und  neu  stieg  dies  politische  Gebilde  aus  der  Grube,  das  Werk  einer  kurzlebigen,
in  sich  selbst  verliebten  Diplomatie,  die  alle  Erinnerungen  des  eigenen  Volkes  vergessen
hatte;  kein  Rost  der  Jahrhunderte  verhüllte  die  dürftige  Häßlichkeit  der  Formen.  Von
Kaiser  und  Reich  sang  und  sagte  das  Volk:  bei  dem  Namen  des  deutschen  Volkes  hat
niemals  ein  deutsches  Herz  höher  geschlagen.  Unter  den  Bundesstaaten  hatten  nur  sechs
der  kleinsten  ihren  Besitzstand  seit  zwanzig  Jahren  nicht  verändert,  selbst  das  geduldigste
der  Völker  konnte  an  die  Legitimität  einer  zugleich  so  neuen  und  so  willkürlichen  Länderverteilung
  nicht  mehr  glauben.  Dieselbe  Fremdherrschaft,  die  das  alte  Reich  zu  Grunde
gerichtet,  belastete  auch  den  neuen  Bund.  Oesterreichs  Uebermacht  hatte  sich  seit  den
Tagen  Friedrichs  erheblich  verstärkt,  sie  war  jetzt  um  so  schwerer  zu  brechen,  da  sie
ihren  Einfluß  mittelbar  ohne  die  herrischen  Formen  des  Kaisertums  ausübte.  Die  auswärtigen
  Diplomaten  lächelten  schadenfroh:  wie  schön,  daß  wir  Oesterreich  und  Preußen
zusammengekoppelt  und  dadurch  geschwächt  haben.  Das  alte  Reichsrecht  sprach  doch  noch
von  einer  deutschen  Nation;  die  Vorstellung  mindestens,  daß  alle  Deutschen  ihrem  Kaiser
treu,  hold  und  gewärtig  seien,  war  niemals  ganz  verschwunden.  Die  neue  Bundesakte
  wußte  gar  nichts  mehr  von  einem  deutschen  Volke,  sie  kannte  nur  Bayern,  Waldecker,
Schwarzburg-Sondershausener  Untertanen,  jene  deutschen  Fürsten,  welche  nach  Gefallen
zu  einem  völkerrechtlichen  Vereine  zusammengetreten  waren.  Die  Nation  mußte  den
Becher  der  Demütigung  bis  zur  Hefe  leeren:  jene  württembergische  Mahnung:  „man
werde  doch  nicht  aus  verschiedenen  Völkerschaften  sozusagen  eine  Nation  bilden  wollen,
hatte  vollständig  Recht  behalten.  —  Die  Nation  nahm  das  traurige  Werk  mit  unheimlicher
  Kälte  auf.  Wer  überhaupt  davon  redete,  sprach  seine  grimmige  Entrüstung  aus.
Die  wenigen  Artikel  über  Volksrechte,  an  denen  der  öffentlichen  Meinung  zumeist  gelegen
war,  enthielten  so  leere,  so  windige  Versprechungen,  daß  sogar  diese  gutherzige  Nation
anfangen  mußte,  an  den  bösen  Willen  ihrer  Machthaber  zu  glauben.  Wie  sonderbar
nahm  sich  neben  den  unbestimmten  Phrasen  über  Preßfreiheit,  Handelsfreiheit,  Landstände
  die  genaue  Aufzählung  der  Privilegien  der  Mediatisierten  und  der  Thurn=  und
Taxisschen  Postrechte  aus.  Und  zu  alledem  das  Kläglichste:  die  Bundesakte  war  gar
keine  Verfassung,  sondern  enthielt  nur  die  niemals  ausgeführten  Grundzüge  eines  künftigen
Bundesrechts.“

Dle  Rüchkehr  Liopoleons  und  der  zweite  Parlser  Frlede.

Mitten  hinein  in  all  diese  diplomatischen  Verhandlungen  drang  die  Kunde  von
der  Landung  Napoleons  an  der  Südküste  Frankreichs.  Als  Napoleon  die  Mißgriffe  der
Bourbonen  erfuhr,  als  er  von  seinen  Anhängern,  mik  denen  er  in  regem  Verkehr  stand,
über  die  Stimmung  im  Volke  unterrichtet  wurde,  da  beschloß  er  noch  einmal  sein  Glück
zu  versuchen.  In  Wien  hatte  man  schon  jetzt  an  die  Möglichkeit  gedacht,  Napoleon  nach  der
Insel  St.  Helena  zu  verbringen;  der  Imperator  wußte  es,  er  kannte  den  Zwiespalt  der
sich  in  dem  Wiener  Kongreß  bemerklich  machte,  wußte  wie  es  in  Frankreich  und  Italien