436  Das  Seitalter  der  Befreinngskriege.

dem  Heere  Wellingtons  stand.  Allein  Napoleon  verstand  es  nun  nicht  mehr  seine  Erfolge
auszunutzen.  Dagegen  verabredeten  die  Verbündeten,  am  17.  Juni,  am  nächsten  Tage
die  Schlacht  zu  erneuern.  Die  Schlacht  bei  Belle-Alliance  oder  Waterloo  am
18.  Juni  1815  entschied  über  Napoleons  Geschick.

„So  verworren  und  unfertig  die  Doppelschlacht  am  16.  Juni  verlaufen  war,“
sagt  Treitschke,  „ebenso  einfach  großartig  gestaltete  sich  der  Gang  der  Ereignisse  am  18.
Wellington  hatte  mit  Kennerblick  eine  feste  defensive  Stellung  gewählt,  wie  er  sie  von
Spanien  her  liebte.  Sein  Heer  hielt  auf  einem  langgestreckten  niederen  Höhenzug,  der,
von  Westen  nach  Osten  streichend,  etwa  in  der  Mitte,  bei  dem  Dorfe  Mont  St.  Jean
von  der  wohlgepflasterten  Brüsseler  Landstraße  senkrecht  durchschnitten  wird.  Auf  diesem
engen  Raume  von  kaum  5000  Schritt  Länge  standen  die  Truppen  dicht  zusammengedrängt,
mehr  als  30000  Deutsche,  24000  Engländer,  über  13000  Niederländer,  zusammen
68000  Mann,  auf  der  Rechten  Lord  Hill,  im  Zentrum  der  Prinz  von  Oranien,  auf
dem  linken  Flügel  General  Picton.  Ein  tief  eingeschnittener,  von  Hallen  eingefaßter
Querweg  lief  der  Front  entlang.  Im  Rücken  des  Heeres  fiel  der  Boden  sanft  ab,  so
daß  die  Mehrzahl  der  Regimenter  dem  anrückenden  Feinde  verborgen  blieb,  weiter
nördlich  lag  an  der  Landstraße  der  dichte,  von  zahlreichen  Wegen  durchzogene  Wald  von
Soignes,  der  für  den  Fall  des  Rückzugs  eine  gute  Deckung  bot.  Der  Herzog  blieb
während  vieler  Stunden  im  Zentrum  bei  Mont  St.  Jean;  hier  unter  einer  Ulme,  auf
einer  Bodenwelle  neben  der  Landstraße,  konnte  er  fast  die  ganze  Aufstellung  überblicken
und  nach  seiner  Gewohnheit  alles  unmittelbar  leiten.  Einige  hundert  Schritt  vor  der
Front  lagen  wie  die  Vorwerke  einer  Festung  drei  stark  besetzte  Positionen;  vor  der
Rechten  das  Schloß  Gourmont  inmitten  der  alten  Bäume  seines  Parks,  von  hohen
Mauern  umschlossen,  vor  dem  Zentrum  an  der  Landstraße  das  Gehöfte  La  Hage  Sainte,
vor  dem  äußersten  linken  Flügel  die  weißen  Häusergruppen  von  Papelotte  und  La  Hage.
Die  Straße  fällt  südlich  von  Mont  St.  Jean  sanft  ab,  führt  dann  völlig  eben  durch
offene  Felder  und  steigt  eine  starke  halbe  Stunde  weiter  südlich,  nahe  bei  dem  Pachthofe
  La  Belle-Alliance,  wieder  zu  einem  anderen  niederen  Höhenzug  empor,  so  daß  das
Schlachtfeld  eine  weite,  mäßig  eingetiefte  Mulde  bietet,  die  allen  Waffen  den  freiesten
Spielraum  gewährt.

„Auf  diesen  Höhen  bei  Belle-Alliance  stellte  Napoleon  sein  Heer  auf.  Reille  zur
Linken,  Erlon  zur  Rechten  der  Straße,  dahinter  bei  Rossomme  die  Reserve;  sein  Plan
war  einfach,  durch  einen  oder  mehrere  Frontalangriffe  die  Linien  der  Engländer  zu  durchbrechen,
  wo  möglich  an  der  schwächsten  Stelle,  auf  ihrem  linken  Flügel.  Da  die  unsicheren
  Feuerwaffen  jener  Zeit  dem  Angreifer  erlaubten,  mit  ungebrochener  Kraft  nahe
an  den  Verteidiger  heranzugelangen,  so  hoffte  der  Imperator  durch  ungeheure  Massenschläge
  den  zähen  Gegner  niederzuringen.  Seine  Kriegsweise  war  während  der  letzten
Jahre  immer  gewaltsamer  geworden,  heute  vollends,  in  der  fieberischen  Leidenschaft  des
verzweifelten  Spieles  zeigte  er  die  ganze  Wildheit  des  Jacobiners,  ballte  viele  Tausende
seiner  Reiter,  ganze  Divisionen  des  Fußvolks  zu  einer  Masse  zusammen,  damit  sie,  wie
die  Phalangen  Alexanders,  mit  ihrem  Elephantentritt  alles  zermalmten.  So  begann
die  Schlacht,  —  ein  beständiges  Vordringen  und  Zurückfluten  der  Angreifer  gleich  der
Brandung  am  steilen  Strande  —  bis  dann  das  Erscheinen  der  Preußen  in  Napoleons
Rücken  und  rechter  Flanke  den  Schlachtplan  des  Imperators  völlig  umstieß.  Der
Kampf  verlief  wie  eine  planvoll  gebaute  Tragödie,  zu  Anfang  eine  einfache  Verwicklung,