Die  Rüchkehr  Napoleous  und  der  zweite  Pariser  Friede.  437

—

dann  gewaltige  Spannung  und  Steigerung,  zuletzt  das  Hereinbrechen  des  alles  zermalmenden
  Schicksals;  unter  allen  Schlachten  der  modernen  Geschichte  zeigte  wohl  nur
die  von  Königgrätz  in  gleichem  Maße  den  Charakter  eines  vollendeten  Kunstwerks.  Der
letzte  Ausgang  hinterließ  in  der  Welt  darum  den  Eindruck  einer  überzeugenden,  unabwendbaren
  Notwendigkeit,  weil  ein  wunderbares  Geschick  jeder  der  drei  Nationen  und  jedem
der  Feldherren  genau  die  Rolle  zugewiesen  hatte,  welche  der  eigensten  Kraft  ihres
Charakters  entsprach;  die  Briten  bewahrten  in  der  Verteidigung  ihre  kaltblütige  eiserne
Ausdauer,  die  Franzosen  als  Angreifer  ihren  ritterlichen  unbändigen  Mut,  die  Preußen
endlich  die  gleiche  stürmische  Verwegenheit  im  Angriff  und  dazu,  was  am  schwersten  wiegt,
die  Selbstverleugnung  des  begeisterten  Willens.“

„Napoleon  rechnete  mit  Sicherheit  auf  einen  raschen  Sieg,  da  er  die  Preußen  fern
im  Südosten  bei  Namur  wähnte.  Seine  Armee  zählte  über  72000  Mann,  war  dem
Heere  Wellingtons  namentlich  durch  ihre  starke  Kavallerie  und  die  Ueberzahl  der  Geschütze,
240  gegen  150  Kanonen,  überlegen.  Unter  solchen  Umständen  schien  es  unbedenklich,
den  Angriff  auf  die  Mittagszeit  zu  verschieben,  bis  die  Sonne  den  durchweichten  Boden
etwas  abgetrocknet  hätte.  Um  den  Gegner  zu  schrecken  und  die  Zuversicht  des  eigenen
Heeres  zu  steigern,  veranstaltete  der  Imperator  im  Angesicht  der  Engländer  eine  große
Heerschau;  krank  wie  er  war,  von  tausend  Sorgen  und  Zweifeln  gepeinigt,  empfand  er
wohl  auch  selber  das  Bedürfnis,  sich  das  Herz  zu  erheben  an  dem  Anblick  seiner  Getreuen.
  So  oft  er  späterhin  auf  seiner  einsamen  Insel  dieser  Stunde  gedachte,  überkam
es  ihn  wie  eine  Verzückung  und  er  rief:  „Die  Erde  war  stolz,  so  viele  Tapfere  zu
tragen.“  Und  so  standen  sie  denn  zum  letztenmale  in  Parade  vor  ihrem  Kriegsherrn,
die  Veteranen  von  den  Pyramiden,  von  Austerlitz  und  Borodino,  die  so  lange  der  Schrecken
der  Welt  gewesen  und  jetzt  aus  dem  Schiffbruch  der  alten  Herrlichkeit  nichts  gerettet
hatten  als  ihren  Soldatenstolz,  ihre  Rachgier  und  die  unbezähmbare  Liebe  zu  ihrem
Helden.  Die  Trommler  schlugen  an,  die  Feldmusik  spielte  das  Partant  pour  la  Syrie!
In  langen  Linien  die  Bärenmützen  der  Grenadiere,  die  Roßschweifhelme  der  Kürassiere,
die  betroddelten  Tschakos  der  Voltigeure,  die  flatternden  Fähnchen  der  Lanciers,  eines
der  prächtigsten  und  tapfersten  Heere,  welche  die  Geschichte  sah.  Die  ganze  prahlerische
Glorie  des  Kaiserreichs  erhob  sich  noch  einmal,  ein  überwältigendes  Schauspiel  für  die
alten  Soldatenherzen;  noch  einmal  erschien  der  große  Kriegsfürst  in  seiner  finsteren
Majestät,  so  wie  der  Dichter  sein  Bild  kommenden  Geschlechtern  überliefert  hat,  mitten  im
Wetterleuchten  der  Waffen  zu  Fuß,  in  den  Wogen  reitender  Männer.  Die  brausenden
Hochrufe  wollten  nicht  enden,  hatte  doch  der  Abgott  der  Soldaten  vorgestern  aufs  neue
seine  Unbesiegbarkeit  erwiesen.  Und  doch  kam  dieser  krankhafte  Jubel,  der  so  seltsam
abstach  von  der  gehaltenen  Stille  drüben  im  englischen  Lager,  aus  gepreßtem  Herzen;
das  Bewußtsein  der  Schuld,  die  Ahnung  eines  finsteren  Schicksals  lag  über  den  tapferen
Gemütern.  Zehn  Stunden  noch  und  die  verwegene  Hoffnung  des  deutschen  Schlachtenlenkers
  war  erfüllt,  und  dies  herrliche  Heer  mit  seinem  Trotze,  seinem  Stolze,  seiner
wilden  Manneskraft  war  vernichtet  bis  auf  die  letzte  Schwadron.“

Napoleon  begann  die  Schlacht  um  11½  Uhr,  allein  schon  gegen  1  Uhr  erfuhr  er,
daß  General  Bülow  auf  dem  Marsch  gegen  die  rechte  Flanke  der  Franzosen  sei.  Die
Engländer  schlugen  die  Franzosen  mit  großen  Verlusten  zurück,  aus  Furcht  vor  dem
immer  näher  kommenden  Angriff  der  Preußen  wagte  Napoleon  nicht,  den  Bedrängten  Hilfe
zu  senden,  er  wollte  mit  seiner  gesamten  Kavallerie  das  Zentrum  Wellingtons  durchbrechen.