438  Das  Jeitalter  der  Hefreiungskriege

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Blücher  war,  trotzdem  er  sich  zwei  Tage  vorher  durch  einen  Sturz  vom  Pferde  arg
geschädigt  hatte,  am  Morgen  von  Wavra  aufgebrochen.  Seine  Gegenwart  wirkte  wie
ein  Zauber  belebend  auf  seine  Truppen  ein.  Gegen  4  Uhr  nahmen  die  preußischen
Truppen,  unbemerkt  von  Napoleon,  in  dem  hinteren  Wald  von  Frichmont  ihre  Stellungz
ein.  Ein  Reiterangriff  Neys  scheiterte  an  der  Standhaftigkeit  des  englischen  und
deutschen  Fußvolks.  Wellington  wurde  von  den  Franzosen  aufs  heftigste  bedrängt.  Schon
wichen  die  Truppen  der  Verbündeten  da  und  dort,  wiederholt  hatte  Wellington  zu
Blücher  um  Hilfe  gesandt,  und  jetzt  gerade,  in  diesem  verhängnisvollen  Augenblick,  begann
der  Angriff  der  Preußen.  Gneisenau  tat  alles,  um  die  Fehler  der  vorhergegangenen
Tage  zu  fühnen.  Mit  besonnener  Kühnheit  leitete  er  den  Angriff.  Von  allen  Seiten
her  sahen  sich  die  Franzosen  angegriffen.  „Es  ist  zu  Ende,  retten  wir  uns,  rief
Napoleon  verzweifelt  aus.  Die  Geschlagenen  flohen  in  toller  Verwirrung.  Nicht  einmal
die  Anwesenheit  des  Kaisers  vermochte  sie  mehr  zu  halten.  „Wir  haben  gezeigt,  wie
man  siegt,“  rief  Gneisenau,  „jetzt  wollen  wir  zeigen,  wie  man  verfolgt.“  Der  Wagen
Napoleons  mit  seinem  Hut  und  Degen  wurde  erbeutet,  von  den  Soldaten  von  Belle-Alliance
fanden  sich  nachher  nur  noch  10  000  in  Paris  zusammen.

Blücher  befahl  die  Schlacht  nach  dem  Hofe  Belle-Alliance  zu  nennen,  Wellington
  wollte  sie  als  seinen  Sieg  erscheinen  lassen  und  gab  ihr  nach  seinem  letzten  Hauptquartier
  den  Namen  Waterloo.  Nach  seiner  Darstellung  hatten  die  Preußen  ihm  nur,
allerdings  in  anerkennenswerter  Weise,  geholfen,  den  Sieg  zu  entscheiden,  der  Haupterfolg
  fiel  ihm  zu.  Unendlicher  Jubel  brach  in  der  Heimat  bei  der  Nachricht  von  diesem
Siege  aus.  Preußen  allein  schien  nun  stark  genug,  den  Feind  zu  bezwingen  und  überall
drängte  man  darauf,  den  Sieg  rücksichtslos  auszubeuten.  Aber  einen  Erfolg  ließen  sich
die  Preußen  entgehen  —  die  Vernichtung  der  Armee  unter  Grouchy.

Blücher  und  Wellington  verständigten  sich  rasch  über  den  gemeinsamen  Einzug  in
Frankreich.  In  der  Nacht  vom  20.  auf  den  21.  Juni  kam  Napoleon  in  Paris  an.  Sofort
versammelte  er  im  Elysée  Bourbon,  wo  er  abgestiegen  war,  einen  Ministerrat  um  sich;
den  Gedanken,  sich  zum  Diktator  ernennen  zu  lassen,  gab  er  bald  auf,  und  wollte  auch
von  dem  Rat  seines  Bruders,  die  Kammer  aufzulösen  oder  zu  vertagen  und  mit  der
gesamten  Heerkraft  die  Hauptstadt  zu  verteidigen,  nichts  wissen.  Dadurch  gab  er  der
Volksvertretung  Zeit,  sich  selbst  die  ganze  Staatsgewalt  beizulegen.  Napoleon  konnte  es
nicht  wagen,  sich  zu  widersetzen;  noch  einmal  riet  Lucian  Bonaparte  zu  gewalsamen
Maßregeln,  die  der  Imperator  wiederum  zurückwies.  Am  22.  Juni  entsagte  er  zu
Gunsten  seines  Sohnes  der  Regierung.  An  die  Spitze  einer  provisorischen  Regierung
trat  nun  Fouchi,  der  die  Restituierung  der  Bourbonen  mit  allem  Eifer  betrieb.

Indessen  waren  die  Feinde  der  Hauptstadt  immer  näher  gerückt.  Das  Anerbieten
Napoleons,  als  einfacher  General  noch  einmal  an  die  Spitze  des  Heeres  zu  treten,  und
nach  Besiegung  des  Feindes  zurückzutreten,  wurde  abgelehnt.  Nun  ging  Napoleon  nach
Rochefort,  um  sich  von  dort  nach  Amerika  einzuschiffen,  allein  die  Engländer  hatten  den
Hafen  besetzt,  und  sein  Entkommen  dadurch  vereitelt.  Nun  suchte  er,  der  britischen
Großmut  vertrauend,  auf  einem  ihrer  Schiffe,  dem  Letterophon  Schutz.  Allein  hier
empfing  er  nun  die  Schreckensbotschaft,  daß  er  nach  dem  Beschluß  der  Verbündeten  sein
Leben  auf  St.  Helena  zu  beschließen  habe.  Am  18.  Oktober  landete  er  dort,  begleitet
in  seine  Verbannung  von  wenigen  Freunden.  Ungesundes  Klima,  der  Mangel  an
Tätigkeit  untergruben  seine  ohnedem  schwankende  Gesundheit.  Am  5.  Mai  1821  starb  er