440  Das  Jeitalter  der  Befreinngskriege.

infolge  eines  Magenleidens.  Dies  titantische  Leben  nahm  ein  grauenhaftes  Ende.  Mit
wüstem  Gezänk  und  der  gewerbsmäßigen  Verbreitung  ungeheuerlicher  Lügen  füllte  er
seine  letzten  Jahre  aus,  er  selber  riß  den  Schleier  hinweg  von  der  bodenlosen  Gemeinheit
des  Riesengeistes,  der  sich  einst  erdreistet  hatte,  der  Welt  den  Fuß  auf  den  Nacken
zu  setzen.

Ein  von  der  provisorischen  Regierung  in  Frankreich  erbetener  Waffenstillstand  konnte
von  Blücher  und  Wellington  nicht  gewährt  werden.  Während  nun  der  Engländer  erklärte,
daß  sein  einziges  Ziel  die  Wiedereinsetzung  Ludwig  XVIII.  sein  werde,  hatte  Blücher  dagegen
  sein  Hauptaugenmerk  auf  die  Sicherung  und  Stärkung  Deutschlands  den  Franzosen
gegenüber  gerichtet.  Er  setzte  es  auch  durch,  daß  der  Marsch  bis  Paris  fortgesetzt  wurde
und  bald  drang  sein  Heer  unaufhaltsam  vorwärts;  noch  14  feste  Plätze  mußten  den  Deutschen
die  Tore  öffnen.  Am  29.  Juni  langte  Blücher  vor  der  französischen  Hauptstadt  an.
Davoust  rüstete  sich  zum  Widerstand,  obgleich  nach  militärischem  Urteil  die  Verteidigung
der  Stadt  eine  Unmöglichkeit  war.

Im  Hauptquartier  zu  Goneste,  wenige  Stunden  nördlich  von  Paris,  mußte
Gneisenau  bittere  Enttäuschung  erleben.  „Das,  sagt  Treitschke,  zieht  die  Herzen  so
mächtig  zu  dem  Bilde  dieses  großen  Deutschen  hin,  daß  er  in  allem  so  einfach  menschlich
war,  und  darum  auch  einmal  recht  menschlich  bitter  und  ungerecht  werden  konnte.  So
widerfuhr  es  ihm  heute.  Er  wußte,  daß  er  der  eigentliche  Feldherr  dieses  Krieges
gewesen,  daß  der  rettende  Gedanke  der  Vereinigung  beider  Heere  allein  aus  seinem  Kopf
entsprungen  war,  nun  mußte  er  hören,  wie  die  Verbündeten  Wellington  als  den  ersten
Helden  priesen,  diesen  Briten,  der  wohl  auf  dem  Schlachtfeld  hohe  Umsicht  und  Ausdauer
gezeigt,  doch  bei  der  Leitung  des  Feldzugs  Fehler  auf  Fehler  gehäuft  hatte.  Eine  tiefe
Bitterkeit  überkam  ihn,  wenn  er  sein  ruhmlos  verborgenes  Wirken,  alle  die  so  lange
schweigsam  ertragenen  Kränkungen  der  letzten  Jahre  überdachte.  Wie  abenteuerlich  hatte
das  Schicksal  mit  ihm  gespielt  von  Kindesbeinen  an.  In  Schilda,  dem  sächsischen  Abdera,
war  er  zur  Welt  gekommen,  mitten  im  Wirrwarr  des  Kriegslagers  der  Reichsarmee,
unter  den  Feinden  Preußens;  die  preußischen  Kanonen  brummten  dem  Kinde  das  Wiegenlied,
  und  wenig  fehlte,  so  wäre  der  Knabe  auf  dem  Rückzug  in  der  Nacht  nach  der
Torgauer  Schlacht  von  den  Hufen  der  Pferde  zertreten  worden,  hätte  ihn  nicht  ein
mitleidiger  Grenadier  aufgehoben.  Nachher  die  öde,  freudlose  Zeit,  die  er  in  Schilda
barfuß  die  Gänse  hütete,  bis  endlich  die  katholischen  Verwandten  in  Würzburg  sich  seiner
erbarmten.  Der  Heimatlose  wußte  niemals  recht,  zu  welchem  deutschen  Stamme,  noch
zu  welcher  Kirche  er  eigentlich  gehörte.  Dann  die  wilden,  tollen  Studentenjahre  in
Erfurt,  eine  kurze  Dienstzeit  bei  den  österreichischen  Reitern,  eine  Fahrt  nach  Amerika
mit  den  Unglücklichen,  die  der  Ansbacher  Markgraf  den  Briten  verkaufte.  Darauf  der
preußische  Dienst;  im  Anfang  glänzende,  überschwängliche  Hoffnungen,  dann  wieder  die
leere  Nichtigkeit  des  subalternen  Lebens,  so  armselig,  so  niederdrückend,  daß  dieser  Feuergeist,
  der  sich  einst  fast  in  seinen  eigenen  Gluten  verzehrt  hatte,  jetzt  ernstlich  Gefahr  lief,
wieder  zum  Philister  zu  werden.  Als  dann  die  weltverwandelnden  Geschicke  wieder  über
Preußen  hereinbrachen,  da  jauchzte  der  Genius  in  ihm  auf;  durch  ihn  errang  das
gedemütigte  Heer  den  ersten  Erfolg,  seit  Scharnhorsts  Tode  durfte  sich  niemand  mehr
mit  ihm  vergleichen.  Und  das  war  sein  Lohn.  Die  Offiziere  des  Generalstabs,  die  den
Zauber  des  Genies  im  täglichen  Umgang  empfanden,  wußten  freilich  wohl,  was  Deutschland
  an  diesem  Mann  besaß;  sie  kamen  sich  vor  wie  in  der  verkehrten  Welt,  wenn  sie