Die  Rückkehr  Napoleons  und  der  zweite  Pariser  Eriede.  441

diesen  geborenen  Herrscher  mit  dem  Federhut  in  der  Hand  ehrerbietig  neben  dem  Zaren
stehen  sahen.  Aber  wenn  die  Soldaten  den  alten  Blücher  mit  donnerndem  Hurrah
begrüßten,  so  bemerkten  sie  kaum  den  unbekannten  General  an  der  Seite  des  Feld—
marschalls.  Bülow  hatte  seinen  Namen  in  die  Tafeln  der  Geschichte  eingegraben,  von
Gneisenau  wußten  sie  nichts.  Er  war  älter  als  alle  Generäle  der  Infanterie,  und  noch
immer  Generallieutenant,  hatte  nie  ein  selbständiges  Kommando  geführt,  trug  weder  den
schwarzen  Adlerorden  noch  das  große,  eiserne  Kreuz.  Der  König  liebte  ihn  nicht,  das
boshafte  Geflüster  unter  den  Hofleuten  hörte  nicht  auf;  er  fühlte  sich  seiner  Stellung  im
Heere  so  wenig  sicher,  daß  er  erst  kürzlich  den  Staatskanzler  gebeten  hatte,  ihm  doch  für
die  Friedenszeit  das  Amt  des  Generalpostmeisters  zu  verschaffen.  Wie  fern  lag  ihm  alle
Ueberhebung,  wie  ofte  nannte  er  sich  nur  einen  vom  Glück  begünstigten  Soldaten,  aber
einmal  doch  mußte  der  Unmut  heraus.  In  höchster  Leidenschaft  schrieb  er  dem  Staatskanzler
  an  einem  Tage  drei  Briese  voll  heftiger  Anklagen,  beschuldigte  in  seinem  Zorn
selbst  Stein  und  Blücher  des  Undanks.  Die  Gerechtigkeit  des  Königs  gab  ihm  bald
Genugtuung,  er  trug  nachher  den  Ordensstern,  der  im  Wagen  Napoleons  gefunden
worden.  Doch  über  den  historischen  Ruhm,  der  ihm  gebührte,  ist  die  Mehrzahl  der
Zeitgenossen  nie  ins  Klare  gekommen;  erst  ein  späteres  Geschlecht  seiner  Landsleute  waren
seiner  Größe  gerecht,  und  die  Franzosen  wissen  bis  zum  heutigen  Tag  noch  nicht,  wer
der  erste  Feldherr  der  Verbündeten  Europas  war.“

Gneisenaus  Unmut  über  die  ungerechte  Behandlung,  die  ihm  zu  teil  geworden,  war
bald  verschwunden.  Noch  am  30.  Juni  legte  er  seinen  Plan  für  die  Einnahme  von  Paris  vor

Bülow  sollte  die  Stadt  vom  Norden,  Blücher  vom  Süden  her  angreifen.  Es  ging  freilich
hier  auch  nicht  ohne  Verlust  von  preußischer  Seite  ab.  Bei  Verseailles  gerieten  die  brandenburgischen
  und  pommerschen  Husaren  in  einen  Hinterhalt,  ein  Drittel  derselben  schlug  sich
durch,  die  andern  wurden  niedergemacht.  Den  Preußen  war  es  indessen  doch  bald
gelungen,  so  feste  Positionen  zu  gewinnen,  daß  man  endlich  in  einem  Kriegsrat  zu  Villette
die  Uebergabe  von  Paris  als  eine  Notwendigkeit  erkannte.  Am  3.  Juli  1815  wurde  in
St.  Cloud  zwischen  Wellington  und  Blücher  auf  der  einen,  dem  Seinepräfekten  und  zwei
Regierungsbevollmächtigten  auf  der  andern  Seite  eine  „Konvention“  geschlossen,  nach
welcher  sich  die  französischen  Truppen  hinter  die  Loire  zurückziehen,  und  Paris  den  Verbündeten
  übergeben  sollten.  „Mein  Tagewerk  ist  vollendet,  Paris  ist  mein.  Meinen
braven  Truppen,  ihrer  Ausdauer  und  meinem  eisernen  Willen  verdanke  ich  alles“  schrieb
Blücher  an  Knesebeck.  Die  Ehre  seines  Besuchs  und  das  Schauspiel  eines  feierlichen  Einzugs
  gönnte  Blücher  der  besiegten  Hauptstadt  nicht.  Die  Gehässigkeit,  welche  Behörden
und  Bürger  den  einzelnen  einmarschierenden  Regimentern  entgegenbrachten,  kümmerte  ihn
wenig;  er  verlangte  die  Zahlung  von  zwei  Monaten  Sold  für  die  Armee  und  sofort
2  Millionen  Kriegssteuer;  Davoust  wisse  schon  wie  man  das  Geld  beschaffe.  Sofort
begann  auch  die  Zurücknahme  dessen,  was  man  einst  aus  Deutschland  als  Raub  mitgeschleppt
  hatte.  Das  Hauptquartier  blieb  in  St.  Cloud.  Gegen  die  preußische  Strenge
hob  sich  Wellingtons  Milde  auffallend  ab.  Ohne  bei  den  verbündeten  Mächten  auch  nur
anzufragen,  ließ  er  Ludwig  XVIII.  in  den  Tuilerien  einziehen,  und  dieser  beeilte  sich
namentlich  den  russischen  Kaiser  mild  und  versöhnlich  zu  stimmen,  und  erreichte  auch
seinen  Zweck  vollkommen.

Die  Gebietsabtretungen,  die  Kriegsentschädigungen  waren  mäßig  und  in  der  innern
Staatseinrichtung  ließ  man  dem  König  und  seinen  Räten  freie  Hand.  Mit  England  war