442  Das  Jeitalter  der  Befreinugskriege.

es  namentlich  Alexander,  den  man  mehr  und  mehr  in  die  Rolle  des  großmütigen  Siegers
hineinzutreiben  wußte  und  das  war  um  so  leichter,  als  der  Zar  gerade  jetzt  von  der  bigotten
Schwärmerei  der  Frau  von  Krüdener  gefangen,  sich  in  allerlei  menschheitsbeglückenden
Gedanken  und  Plänen  erging.  In  Paris  sempfing  den  Zaren  sofort  ein  Kreis  christlich
gesinnter  Damen,  huldigte  dem  neuen  Weltheiland,  der  das  Reich  des  Gottesfriedens  be—
gründen,  und  natürlich  nach  dem  Vorbild  des  Erlösers  vergeben  und  vergessen  sollte.

Mehr  und  mehr  reifte  die  Idee  heran,  als  Grundlage  für  den  neuen  Frieden  die
Vereinbarungen  des  vorigen  Jahres  zu  benutzen.  Man  konnte  den  Franzosen  nur  eine
geringe  Entschädigungssumme  für  den  gegenwärtigen  Krieg  auferlegen.  In  diesem  Sinne
wurden  auch  die  Verhandlungen  im  Ministerrat  der  Verbündeten  geführt,  da  indessen  der
Abschluß  der  Verhandlungen  immer  noch  hinausgezögert  wurde,  so  beschlossen  die  französischen
  Parteigänger  noch  andere  Mittel  in  Bewegung  zu  setzen,  um  zum  Ziele  zu
kommen.  Das  Gerücht  wurde  ausgesprengt,  der  König  werde  sich,  wenn  der  Friede  nicht
bald  zum  Abschluß  komme,  in  das  Lager  zu  Davoust  begeben  und  dadurch  könnte  sich
am  Ende  die  Allianz  der  europäischen  Großmächte  aufs  neue  auflösen.  Alexander  gab
nach  einer  glänzenden  Truppenschau  seinem  Heere  den  Befehl,  sich  über  den  Rhein  zurückzuziehen,
  als  ob  nunmehr  der  Krieg  zu  Ende  wäre.  So  blieb  denn  den  anderen
nichts  anderes  übrig,  als  sich  den  Beschlüssen  der  Konferenzminister  zu  fügen  und  am
20.  November  1815  kam  der  zweite  Pariser  Friede  zustande.  Frankreich  mußte  im
Norden  und  Osten  einige  kleine  Landstrecken  und  Festungen  des  Reiches  abtreten,
700  Millionen  Franks  Kriegsentschädigung  zahlen,  und  mußte  in  17  Grenzfestungen
auf  die  Dauer  von  höchstens  fünf  Jahren  ein  Heer  von  150  000  Mann  unterhalten.

Die  heilige  Allianz.

Noch  während  man  über  den  Frieden  unterhandelte,  gelang  es  dem  mehr  und
mehr  in  mystischen  Anschauungen  befangenen  Zaren  Alexander  unter  dem  augenblicklichen
  Eindruck  ein  Bündnis  zu  stande  zu  bringen,  dessen  Charakter  ganz  seiner
Geistesrichtung  entsprach.  Einen  heiligen  Krieg  hatte  die  Stimme  des  Volkes  den  Kampf
gegen  Napoleon  genannt.  Der  Sieg,  den  die  Verbündeten  errungen,  galt  als  eine  Gnade
Gottes,  „jetzt  kann  uns  nur  Gott  allein  noch  retten,  siegen  wir,  so  wollen  wir  ihm  vor
aller  Welt  die  Ehre  geben,“  hatte  einst  König  Friedrich  Wilhelm  geäußert,  und  so  kam  denn
auch  ihm  der  Vorschlag  Alexanders,  eine  „heilige  Allianz“  zu  schließen,  ganz  gelegen.
Mit  eigener  Hand  verfaßte  Alexander  die  Urkunde  derselben,  nach  welcher  die  Grundsätze
der  christlichen  Religion  zur  Grundlage  der  europäischen  Politik  gemacht  werden  sollten.

„Der  am  26.  September  unterzeichnete  Bündnisvertrag,  sagt  Weber,  hatte  den
Stempel  der  Zeitrichtung  und  Zeitbildung  an  sich,  war  ein  Kind  der  romantischen,  überschäumenden
  Weltanschauung  jener  Tage.  Durch  die  Revolution  und  Napoleons  Militärherrschaft
  waren  die  höchsten  Schichten  der  Gesellschaft,  die  im  gewöhnlichen  Lauf  der
Dinge  von  den  äußern  Wechselfällen  des  Lebens  wenig  betroffen  wurden,  von  harten
Schicksalsschlägen  heimgesucht  worden.  Eine  tiefere  Betrachtung  der  ganzen  Revolutionsbewegung
  von  ihrer  Quelle  bis  zu  ihrer  endlichen  Beruhigung  deutete  auf  das  Walten