444  Das  Zeitalter  der  Zefreiungskriege.

demokratischen  Verfassungsformen,  Erhaltung  des  bestehenden  Zustandes  oder  Rückführung
des  alten,  Hebung  des  monarchischen  Prinzips  und  der  Regierungsgewalt  durch  Festigung
der  patriarchalischen  Verhältnisse  zwischen  Landesherren  und  Untertanen,  dies  und
anderes  war  das  vornehmste  Ziel  des  Bundes,  der  somit  zu  einem  Bollwerk  gegen  jede
Bedrohung  der  Legitimität  umgewandelt  ward.  Neben  diesem  „heiligen  Bunde“  mit  seinen
mehr  und  mehr  hervortretenden  Tendenzen  gegen  den  liberalen  Zeitgeist  schlossen  die
vier  Großmächte  noch  einen  zweiten  Bund  von  mehr  sachlicher  Natur.  Indem  sie  den
früheren  Vertrag  von  Chaumont  erneuerten,  verpflichteten  sie  sich  für  den  Frieden
Europas,  der  wesentlich  bedingt  sei  durch  die  Befestigung  der  neugeschaffenen  Ordnung
in  Frankreich  und  durch  die  Erhaltung  der  königlichen  Autorität  nebst  der  in  der  Charte
begründeten  Verfassung,  mit  ihrer  ganzen  Macht  einzustehen.  Und  um  die  beiden  Verträge
  und  die  darin  ausgesprochene  Politik  stets  frisch  und  lebendig  zu  erhalten,  kamen
die  verbündeten  Monarchen  überein,  von  Zeit  zu  Zeit  Fürstenkongresse  anzuordnen  zur
Beratung  der  Wege  und  Maßregeln,  wie  dieses  Ziel  in  allen  Ländern  erreicht,  der  Rat
der  Großmächte  zu  einem  europäischen  Amphiktyonengericht  ausgebildet,  und  die  Ruhe
und  Wohlfahrt  der  Völker  sicher  gestellt  werden  könne.“

Neben  dem  zweiten  Pariser  Frieden  ist  in  der  ganzen  modernen  Geschichte  nur  noch
ein  Friede  zu  nennen,  der  solch  milde  Bedingungen  enthielt,  der  Friede  von  Prag  im
Jahre  1866.  Mit  bitterem  Zorn  vernahmen  die  Deutschen  die  Kunde  von  dem  faulen
Frieden,  die  vor  der  Welt  Betrogenen  nannte  Blücher  Preußen  und  Deutschland,  seine
Dichter  hatten  mit  patriotischem  Sehnen  der  Zeit  entgegengesehen,  da  wieder  ein  Kaiser
über  Deutschland  herrschen  sollte,  und  nun  blieb  alles  beim  Alten;  die  verlorenen
deutschen  Länder,  denen  man  hatte  die  Freiheit  wiedergeben  wollen,  sie  triumphierten
über  den  diplomatischen  Sieg  des  Auslandes,  zur  Flucht  sei  Deutschlands  Siegeszug
geworden,  rief  Rückert  entrüstet  aus,  und  Görres  donnerte  in  wildem  Zorn  gegen  das
Basiliskenei,  das  die  deutsche  Einfalt  ausgebrütet  habe.

„Der  unglückliche  Friede  erbitterte  nicht  nur  die  Stimmung  der  Nation  dermaßen,
daß  dem  jungen  deutschen  Bund  von  Haus  aus  auch  nicht  ein  Schimmer  freudiger  Hoffnung
  entgegenstrahlte.  Er  förderte  auch  die  während  des  Kriegs  erwachsene  Selbstüberschätzung
  des  Volks;  darüber  war  ja  gar  kein  Streit,  daß  das  „Volk“  alles  ungleich
herrlicher  hinausgeführt  hatte,  als  die  Diplomaten.  Die  Massen  der  Nation  kehrten
bald  wieder  allen  politischen  Gedanken  den  Rücken,  sie  wendeten  sich  den  schweren  Sorgen
des  Haushalts  zu,  um  in  treuer  Arbeit  die  Wunden  des  ungeheuren  Kampfes  auszuheilen.
  Wer  aber  den  feurigen  Idealismus  der  Befreiungskriege  noch  im  Herzen  bewahrte,
der  tröstete  sich  des  Glaubens:  jetzt  sei  die  Stunde  gekommen,  da  das  Volk  selber  die
Leitung  des  Staates  übernehmen  müsse.  Es  klang  wie  die  Weissagung  der  Kämpfe  und
Leiden  des  kommenden  Jahrzehnts,  wenn  einer  der  Besten  aus  dem  jungen  Geschlecht,
der  Kieler  Historiker  F.  C.  Dahlmann,  zur  Siegesfeier  die  in  Form  und  Inhalt  den
Geist  der  Zeit  bezeichnenden  Worte  sprach:  „Friede  und  Freude  kann  nicht  sicher  wiederkehren
  auf  Erden,  bis  wie  die  Kriege  volksmäßig  und  dadurch  siegreich  geworden  sind,
auch  die  Friedenszeit  es  werden,  bis  auch  in  diesen  der  Volksgeist  gefragt  und  in  Ehren
gehalten  wird,  bis  das  Licht  guter  Verfassung  herantritt,  und  die  kümmerlichen  Lampen
der  Kabinette  überstrahlt.“

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