Der  Krieg  von  1866.  463

beiden  Großmächten  den  Abschluß  eines  Waffenstillstandes  verlangte.  Natürlich  erklärten
nun  sowohl  Preußen  wie  Oesterreich,  daß  ihnen  nichts  ferner  liege  als  ein  Krieg.
Oesterreich  legte  alles  darauf  an,  die  Verhandlungen  über  drei  Monate  hinaus  in  die
Länge  zu  ziehen,  Graf  Mensdorff  verlangte,  daß  Preußen  seine  am  28.  März  befohlene
Kriegsbereitschaft  sofort  rückgängig  mache,  später  versprach  er  die  Truppenverschiebung
vom  25.  April  rückgängig  zu  machen,  wenn  sich  Preußen  dagegen  verpflichte,  sein  Heer
auf  den  Stand  vom  26.  März  zurückzuführen.  Kaum  war  von  Berlin  hierzu  die  Genehmigung
  eingetroffen,  so  glaubte  man  nun  in  Wien  am  Ziel  zu  sein,  und  beschloß
sofort  die  italienische  Armee  auf  den  Kriegsfuß  zu  setzen,  wovon  Karolyi  denn  auch
sofort  Mitteilung  machte,  um,  wie  er  sagte,  jedes  Mißverständnis  zu  vermeiden.
Demgegenüber  erklärte  nun  auch  Bismarck  die  Abrüstung  in  Venetien  für  unerläßlich,
und  es  blieb  Mensdorff  nichts  anderes  übrig,  als  offen  zu  handeln  und  Italien  öffentlich
zum  Treubruch  aufzufordern.  Das  konnte  freilich  nur  durch  die  Vermittelung  von  Paris
geschehen;  Nigras  Antwort  an  Napoleon  lautete,  es  sei  zwar  Ehrensache  für  Italien,
diesen  Vertrag  zu  halten,  allein  man  könne  sich,  da  dieser  ja  am  8.  Juli  aufhöre,  durch
einen  Kongreß  vielleicht  helsen.  Darüber  konnten  nun  Wochen  leicht  verstreichen  und
dann  hatte  Italien  wieder  freie  Hand.  Napoleon,  dem  all  diese  Wirrnisse  in  Europu
nur  willkommen  sein  konnten,  war  darüber  nicht  wenig  erfreut,  allein  dem  Kongreßplan
stellte  sich  doch  ein  Hindernis  gegenüber,  man  konnte  denselben  nicht  ausführen,  so  lange
alles  bewaffnet  war.  In  Berlin  war  am  4.  und  8.,  in  Wien  am  6.  Mai  der  Befehl
zur  Mobilmachung  ergangen.  Auch  in  den  Mittelstaaten  rüstete  man  sich;  man  durfte
annehmen,  daß  niemand  sich  dazu  verstehen  werde,  zuerst  zu  entwaffnen,  selbst  Lamarmora
erklärte,  daß  er  den  Kongreß  nur  ohne  Abrüstung  annehmen  könne.  Während  man
indessen  noch  über  die  gleichfalls  immerhin  schwierige  Form  der  Einladung  verhandelte,
sah  Bismarck  schon  den  ganzen  Plan  als  mißlungen  an.  Ihm  waren  nicht  bloß  im
Ausland  Gegner  entstanden,  auch  in  Preußen  hatte  er  deren  viele,  und  ein  jugendlicher
Fanatiker  glaubte  Deutschland  eine  Wohltat  zu  erweisen,  wenn  er  den  Mann  des  Anstoßes
  aus  dem  Wege  schaffe.  Allein  der  Versuch  von  Julius  Cohen,  einem  Stiessohn
von  Karl  Blind,  Bismarck  niederzuschießen,  mißlang  vollständig.  Dabei  steigerte  sich
freilich  die  Aufregung  immer  mehr,  die  Möglichkeit  eines  Duells  zwischen  Preußen  und
Oesterreich  erschien  immer  wahrscheinlicher,  niemand  konnte  und  wollte  mehr  etwas
vom  Frieden  wissen,  überall  erschollen  Drohungen  gegen  Preußen,  als  den  Friedensbrecher.
  Ein  Kriegsminister,  welcher  sich  dieser  Strömung  entgegenstellen  wollte,  mußte
seinen  Posten  niederlegen,  und  die  Vermittelungsversuche  der  Mittelstaaten  hatten  keinen
Erfolg.  Man  veranstaltete  in  Augsburg,  in  Bamberg  und  Stuttgart  militärische  und
diplomatische  Konferenzen,  beantragte  in  Frankfurt  allgemeine  Abrüstung  und  erhob  fünf
Tage  später  diesen  Antrag  zum  Beschluß,  erzielte  aber  mit  alledem  nicht  das  geringste
Resultat.  Durch  Bayerns  Vermittlung  erreichte  man  das  eine  glücklich,  daß  der  preußische
Antrag  vom  9.  April  auf  Berufung  eines  Parlaments  einem  Ausschuß  überwiesen  wurde,
ohne  daß  Bismarck  zuvor  Mitteilung  von  seinen  Reformideen  gemacht  hätte.  Allein
auch  hier  blieb  nun  der  Antrag  ruhig  liegen,  Vereine  und  Versammlungen  wollten  von
demselben  nichts  wissen,  und  auch  der  Abgeordnetentag,  der  noch  einmal  in  Frankfurt
zusammenkam,  um  unter  den  erregtesten  Debatten  und  tumultuarischen  Auftritten  Neutralität
und  Parlament  zu  fordern,  konnte  doch  nicht  wagen,  seine  Forderung  mit  der  preußischen
zu  identifizieren.