476  Deutschland  in  den  Jahren  1866—1870.

dung  war  indessen  nicht  ausgeschlossen,  wenn  man  die  schweren  Erfahrungen  der  letzten
Wochen  in  Betracht  zog.  Benedek  hielt  es  für  angezeigt,  die  Elbe  und  die  Festungen
Josefstadt  und  Königgrätz  im  Rücken  zu  haben,  um  sich  dadurch  vor  einer  Umgehung
zu  sichern,  sich  freilich  zugleich  auch  den  Rückzug  zu  erschweren.  Auf  der  Höhe  von
Lipa  nahm  Benedek  persönlich  Stellung.  Ihm  zur  Linken  stand  das  Korps  Gablenz,
zu  seiner  Rechten  Erzherzog  Ernst,  beide  bildeten  das  Zentrum.  Auf  den  linken  Flügel
stellte  er  die  Sachsen,  hinter  ihnen  als  Reserve  Erzherzog  Leopold;  die  für  den  rechten
Flügel  bestimmten  Korps  Festetics  und  Thun  sollten  erst  dann  in  Tätigkeit  treten,  wenn
der  Kronprinz  wirklich  angriffe.

Benedek  hatte  am  1.  und  2.  Juli  diese  Anordnungen  erlassen;  auf  preußischer
Seite  hatte  die  Meldung,  daß  die  ganze  österreichische  Armee  zwischen  Elbe  und  Bistritz
stehe,  den  Prinzen  Friedrich  Karl  zu  dem  Ersuchen  an  den  Kronprinzen,  mit  der  ganzen
Garde  am  westlichen  Elbufer  vorzustoßen,  weil  er  selbst  den  Feind  über  Sadowa  an
die  Elbe  drängen  wolle,  veranlaßt.  Herwarth  und  der  Kronprinz  erhielten  sofort  Befehl,
mit  Tagesgrauen  aufzubrechen,  während  sich  die  erste  Armee  schon  um  zwei  Uhr  nachts  in
Bewegung  setzte.

„Obgleich  auch  sie,  erzählt  Bulle,  einen  erheblichen  Marsch  bis  an  den  Feind  zu
machen  hatte,  mußte  sie  doch  weit  früher  an  ihn  kommen  als  der  entfernter  und  später
aufbrechende  Kronprinz.  Dichter  Regen  erschwerte  den  Marsch  und  erweichte  die  Straßen.
Der  König  selbst,  der  übrigens  persönlich  die  Anwesenheit  des  ganzen  feindlichen  Heeres
hinter  der  Bistritz  bezweifelte,  fuhr  um  5  Uhr  dem  Heere  nach,  stieg  gegen  8  Uhr  zu
Pferde  und  kam  an  die  Bistritz,  als  eben  die  preußische  Artillerie  von  den  diesseitigen
Höhen  den  Kampf  mit  den  Batterien  jenseits  begonnen  hatte.  Etwa  zwei  Stunden
dauerte  dieser  Geschützkampf,  da  fuhren  die  am  weitesten  vorgeschobenen  feindlichen
Batterien  ab  und  die  preußische  Infanterie  bemächtigte  sich  Sadowas  und  der  südlichen
Uebergänge.  Von  seinen  drei  Korps  hielt  Friedrich  Karl  die  Brandenburger  in  Reserve,
die  Pommern  und  die  thüringische  Division  Horn  erhielten  den  Auftrag,  durch  den  Holawald
  gegen  Lipa  vorzudringen;  die  andere  thüringische  Division  Fransecky  war  als  linker
Flügel  weiter  nordwärts  über  die  Bistritz  geschickt,  um  durch  den  Swiepwald  gegen
Cistowes  und  Chlum  vorzurücken.  Vom  Kronprinzen  war  um  diese  Zeit  noch  nichts  zu
sehen;  Herwarth  war  zwar  schon  um  8  Uhr  nach  fünfstündigem  Marsch  in  Nechanitz
angekommen,  brauchte  aber  mindestens  vier  Stunden,  um  seine  drei  Divisionen  über  den
Fluß  zu  schaffen.  Die  Hauptarbeit  lag  also  seit  10  Uhr  den  Truppen  in  beiden  Wäldern
ob.  Schon  die  Division  Horn  und  das  pommersche  Korps,  die  im  Holawalde  gegen
Gablenz  kämpften,  hatten  einen  furchtbar  schweren  Stand;  stundenlang  hielten  sie  sich
wacker,  trotz  aller  Verluste;  gegen  1  Uhr  aber  mußte  der  Prinz  die  Brandenburger  aus
der  Reserve  herziehen,  um  zu  verhüten,  daß  Benedek  sein  Zentrum  durchbreche.  Weit
schrecklicher  noch  war  die  Lage  Franseckys  im  Swiepwalde,  denn  gegen  ihn  sandte
Benedek  Thun  und  Festetics  ins  Gesecht,  diesen  von  Chlum  und  Cistowes  aus  nordwärts,
  jenen  von  Maslowed  und  Horenowes  westwärts.  Vierfach  an  Infanterie,  noch
mehr  an  Geschützzahl  den  Gegnern  überlegen,  rückten  sie  vor,  ihn  von  zwei,  bald  von
drei  Seiten  umschließend.  Von  9  bis  11  Uhr  behaupteten  sich  die  tapferen  Thüringer
und  suchten,  in  dreimaligem  Sturme  aus  dem  Walde  vorbrechend,  sogar  Maslowed  dem
Feinde  zu  entreißen,  dann  aber  drangen  die  Oesterreicher  unter  schmetternder  Musik  mit
ungeheurer  Uebermacht  vor  und  schoben  die  gelichteten  Bataillone  Schritt  um  Schritt