478  Deutschland  in  den  Jahren  1866—1870.

von  Problus  her  kamen  die  Westfalen,  vom  Holawalde  die  Brandenburger;  die  zweite
Gardedivision  erstürmte  Lipa,  da  mußte  er  denn  wohl  das  Spiel  verloren  geben;  Gablenz
und  Erzherzog  Ernst  erhielten  Befehl  zum  Rückzug,  den  die  vorgeschickte  Reiterei  tapfer
deckte;  um  4½  Uhr  begann  die  Verfolgung.-“

Das  war  die  Schlacht  bei  Königgrätz  oder  Sadowa,  deren  Gelingen  namentlich
dem  rechtzeitigen  Eingreifen  des  Kronprinzen  zu  danken  war.  Die  Preußen  hatten  schwere
und  schmerzliche  Verluste  erlitten;  1800  tote  und  7000  verwundete  Preußen  lagen  auf
dem  Schlachtfelde,  die  Oesterreicher  aber  zählten  24  000  Tote  und  Verwundete  und  dazu
noch  20  000  Gefangene.  In  Wien  wirkte  die  Nachricht  von  der  Schlacht  bei  Königgrätz
geradezu  vernichtend.  Allein  nachgeben  konnte  und  wollte  man  trotz  alledem  nicht;  lieber
wollte  man  noch  mit  fremder  Hilfe  den  Kampf  fortsetzen.  Man  mußte  Italien  durch
Abtretung  Venetiens  befriedigen  und  suchen,  Napoleon  in  den  Kampf  zu  verwickeln.
Italien  gegenüber  konnte  man  vom  militärischen  Standpunkt  aus  umsomehr  nachgeben,  als
die  Oesterreicher  in  den  Schlachten  zwischen  Etsch  und  Mincio  siegreich  gewesen  waren;
Victor  Emanuel  durfte  allerdings  ohne  Preußen  keinen  Frieden  abschließen,  allein  wenn
Napoleon  einen  solchen  gebot,  konnte  man  sich  doch  nicht  weigern.  Nach  den  Vorschlägen
Moltkes  hätten  die  Italiener  das  hindernde  Festungsviereck  durchbrechen  und  möglichst
schnell  nach  Deutsch-Oesterreich  einrücken  sollen.  Zudem  hatte  eine  Freischar  unter
Garibaldi  an  der  dalmatinischen  Küste  landen  sollen,  um  Ungarn  zur  Empörung  zu  reizen.
Allein  Lamarmora  wollte  von  diesen  Vorschlägen  nichts  wissen,  er  wollte  sich  von  Berlin
aus  keine  Vorschriften  machen  lassen,  und  auch  im  italienischen  Lager  war  man  mit
diesen  seinen  Plänen  einverstanden.  Namentlich  war  es  Cialdini,  der  im  Sinne  der
preußischen  Vorschläge  ein  Vordringen  über  den  unteren  Po  im  Osten  der  Festungen
vorschlug.  Ihm  mußte  Lamarmora  freien  Spielraum  lassen,  man  wollte  sich  gegenseitig
durch  starke  Demonstrationen  unterstützen,  wenn  Lamarmora  über  den  Mincio,  oder
Cialdini  über  den  Po  gehen  wollte.  Lamarmora  glaubte  wegen  der  geringen  Stärke
der  Oesterreicher  einen  Angriff  nicht  befürchten  zu  müssen,  trotz  der  Einsprache  des  Königs
beschloß  er  den  Mincio  zu  überschreiten,  um  über  die  Etsch  vorzurücken  und  Cialdini  die
Hand  zu  reichen,  der  in  der  Nacht  vom  25.  den  Po  überschreiten  wollte.

Im  italienischen  Lager  wußte  man  freilich  nicht,  daß  Erzherzog  Albrecht  bereits
mit  seiner  ganzen  Armee  östlich  von  Paschiera  bis  nach  Verona  hin  zur  Schlacht  bereit
stand.  Um  Custozza  entspann  sich  ein  Kampf  mit  wechselndem  Glück,  der  indessen  mit  dem
Rückzug  der  Italiener  endigte.  Im  Lager  derselben  herrschte  Uneinigkeit,  und  die  Oesterreicher
  hatten  deswegen  volle  Freiheit,  ihre  Truppen  aus  Venetien  wegzuziehen  und  der
Nordarmee  zuzuführen.  Um  indessen  zu  verhindern,  daß  die  Italiener  über  die  Grenze
nachrücken,  gab  es  für  Franz  Josef  nur  ein  Mittel,  er  trat  am  5.  Juli  seine  italienischen
Besitzungen  an  Napoleon  ab  und  bat  ihn  um  Vermittlung  des  Friedens  zwischen  ihm
und  Victor  Emanuel.  Nun  wollte  er  sich  mit  aller  Kraft  auf  Preußen  werfen,  und
glaubte  dabei  auf  die  Unterstützung  Napoleons  rechnen  zu  dürfen.  Allein  dieser  war
zum  Krieg  weder  vorbereitet  noch  geneigt,  und  er  ging  auf  die  Vorschläge  zur  Vermittlung
  nur  unter  der  Bedingung  ein,  daß  sich  dieselbe  auch  auf  Preußen  erstrecke.
Franz  Josef  fügte  sich,  da  er  wohl  wußte,  daß  Preußen  sich  weigern  und  dadurch
Napoleon  zum  Krieg  veranlassen  werde.  In  Paris  war  darüber  großer  Jubel,  man
feierte  diesen  Sieg  des  Kaisers  in  den  überschwenglichsten  Ausdrücken,  während  man  in
Italien  tief  entrüstet  darüber  war.  Selbst  Lamarmora  war  der  Gedanke  schmerzlich,