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Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

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WIT-  66

Der  deutsch-französische  Krieg.

n  Frankreich  war  das  konstitutionelle  Kaisertum  Napoleons  in  das  Jahr  1870
fertig  eingetreten,  und  das  französische  Volk  hatte  dasselbe  allenthalben  sanktioniert.
An  der  Spitze  der  neuen  parlamentarischen  Regierung  stand  Emil  Olivier,  und
seine  Botschaft,  daß  der  Friede  noch  niemals  sicherer  gestanden  habe,  als  gerade
jetzt,  vernahm  man  überall  mit  Befriedigung.  Man  glaubte  den  Worten  des  Mannes,
der  1867  schon  verkündigt  hatte,  daß  er  die  Einigung  Deutschlands  als  eine  unumstößliche
Tatsache  ansehen  müsse,  um  so  eher  trauen  zu  können,  und  auch  in  Berlin  gab  man  sich
der  Hoffnung  hin,  daß  die  Chauvinisten  am  Ende  in  ihrem  Eifer  ermüden  würden.
Man  hatte  von  deutscher  Seite  alles  getan,  um  mit  Frankreich  Frieden  zu  halten,  in
Berlin  dachte  man  so  wenig  an  eine  Störung  des  Friedens,  daß  sich  König  Wilhelm
ruhig  ins  Bad  Ems  begab,  daß  Bismarck,  Roon  und  Moltke  sich  auf  ihre  Güter  zurückzogen,
  und  daß  man  in  der  ganzen  militärischen  Organisation  Reformen  vornahm,  die
eine  längere  Zeit  in  Anspruch  nahmen.  Die  Ansprüche  des  Hofes  auf  Gebietserweiterungen
im  Norden,  wie  sie  Benedetti  des  öftern  Bismarck  gegenüber  hervorgehoben  hatte,  waren
noch  nicht  in  die  Oeffentlichkeit  gedrungen;  allein  Kaiser  Napoleon  wußte,  wie  sehr  er
durch  derartige  Forderungen  der  Eitelkeit  der  Nation  schmeichle,  alle  Anzeichen  drängten
darauf  hin,  daß  ein  nationaler  Krieg  die  gesundeste  Reaktion  gegen  die  herrschende
Stimmung  seien,  und  wenn  es  Napoleon  noch  einmal  gelang,  die  Rheingrenze  wieder  zu
cerobern,  dann  war  sein  Name  ein  gefeierter,  Frankreich  war  mit  dem  Bonapartismus
für  alle  Zeiten  verbunden.

Das  Wagnis  war  freilich  immerhin  noch  kühn,  allein  der  Mut  glaubte  alles  überwinden
  zu  können.  Die  Land=  und  Seemacht  war  verstärkt,  die  Arsenale  waren  gefüllt,
die  Chassepotsgewehre  hatte  man  erprobt,  die  Mitrailleuse  war  erfunden,  und  nun  konnte
man  gegen  Deutschland,  das  noch  immer  nicht  geeinigt  war,  ruhig  vorgehen.  Gramont,
der  neue  Minister  des  Answärtigen,  hatte  während  seines  Aufenthalts  in  Wien  die
deutschen  Zustände  und  Stimmungen  in  einem  Licht  erblickt,  das  nur  wenig  der  Wirklich-