488  Deutschlaud  in  den  Jahren  1870—1871.

keit  entsprach.  In  Oesterreich  hatte  man  das  Jahr  1866  noch  nicht  verschmerzt,  von
dem  Grafen  Beust  war  ein  Kriegsbund  Oesterreichs  mit  Frankreich  in  sichere  Aussicht
gestellt  worden.  So  mochte  man  in  den  Tuilerien  wohl  glauben,  daß  man  sich  mit
Deutschland  nun  wohl  mit  Erfolg  messen  könne;  wenn  man  noch  lange  zumartete,  konnte
der  Norddeutsche  Bund  erstarken.  Oberst  Stoffel,  der  französische  Militärbevollmächtigte
in  Berlin,  warnte  umsonst  vor  einem  Krieg,  man  schenkte  seinen  Berichten  in  Paris
keinen  Glauben  und  keine  Beachtung.  Man  war  dort,  wie  der  Kriegsminister  Leboeuf
versicherte,  zu  einem  Krieg  vollständig  gerüstet,  und  das  Sprichwort  von  dem  Frömmsten,
der  nicht  im  Frieden  bleiben  kann,  wenn  es  dem  bösen  Nachbar  nicht  gefällt,  bewahrheitete
  sich  auch  hier.

Nachdem  man  sich  in  Spanien  beinahe  ein  Jahrzehnt  lang  nach  einem  König
umgesehen,  ließ  sich  der  Minister  Prim  in  Unterhandlungen  mit  dem  Prinzen  Leopold
von  Hohenzollern  ein,  dessen  persönliche  Eigenschaften  als  die  trefflichsten  anerkannt
wurden.  Allein  Paris  war  natürlich  in  seiner  augenblicklichen  Stimmung  sofort  bereit,
die  Kandidatur  dieses  Prinzen  als  einen  neuen  Beweis  für  die  Annexionssucht  Preußens
auszulegen.  In  den  Tuilerien  herrschte  bald  große  Aufregung;  Benedetti,  der  französische
Gesandte  in  Berlin,  wurde  beauftragt,  der  persönlichen  Mißstimmung  in  Paris  Ausdruck
zu  geben,  der  Botschafter  des  Norddeutschen  Bundes  am  französischen  Hofe,  Freiherr  von
Werther,  wurde  veranlaßt,  seine  Rückreise  über  Ems  anzutreten,  damit  er  dem  König
von  dieser  Stimmung  Mitteilung  mache.  In  Berlin  antwortete  man  Benedetti,  daß  die
Kandidatur  Leopolds  von  Hohenzollern  den  preußischen  Hof  gar  nichts  angehe;  eine
Aeußerung  Gramonts  in  dem  gesetzgebenden  Körper  wurde  allgemein  als  Kriegsdrohung
aufgefaßt,  und  bald  befand  sich  die  Nation  vollständig  in  einem  Kriegsmut,  der  bald
irgend  eine  Ableitung  finden  mußte.  Man  befürchtete  einen  Ausgleich,  der  auch  im
Gange  war.  Allein,  daß  Benedetti  im  Auftrag  seines  Kaisers  nach  Ems  reiste,  um  den
Monarchen  und  seine  Räte  mit  Staatsgeschäften  zu  behelligen,  mochte  als  eine  immerhin
auffallende  Tatsache  erscheinen;  die  Erklärung  des  Prinzen,  daß  er  der  spanischen  Thronfolge
  förmlich  entsagen  werde,  wurde  von  der  spanischen  Regierung  endlich  der  französischen
mitgeteilt,  und  man  überlegte  es  sich  in  Paris,  ob  man  diese  Verzichtleistung  nicht  als
Genugtuung  gelten  und  den  Krieg  ruhen  lassen  wolle.  Napoleon  selbst  war  offenbar
schwankend;  die  friedliche  Wendung  der  Dinge  wurde  von  allen  Seiten  mit  Freuden
begrüßt,  allein  im  engeren  Rate  beschloß  man  anders.  Gramont  erklärte  dem  Freiherrn
von  Werther,  die  Verzichtleistung  Leopolds  sei  nur  Nebensache,  Frankreich  fühle  sich
dadurch  gekränkt,  daß  der  König  von  Preußen  ohne  vorheriges  Einvernehmen  mit  dem
Kabinett  dem  Erbprinzen  gestattet  habe,  auf  die  spanische  Kandidatur  einzugehen.  Dafür
müsse  Frankreich  Genugtuung  erhalten.  Der  geeignetste  Weg  hierzu  werde  ein  Schreiben
an  Napoleon  sein,  in  welchem  der  König  erklärte,  daß  er  bei  Erlaubnis  der  Kandidatur
der  Würde  Frankreichs  nicht  habe  zu  nahe  treten  wollen,  und  sich  jetzt  der  Entsagung
des  Prinzen  anschließe.  Die  für  den  König  von  Preußen  demütigende  Zumutung  diesem
zu  überbringen,  weigerte  sich  Herr  von  Werther  und  man  beauftragte  nun  den  Grafen
Benedetti,  nach  Ems  zu  reisen,  um  dort  von  dem  König  die  gewünschte  Versicherung  zu
erlangen.  „Meine  erste  Aufgabe,  berichtet  Benedetti  selbst  darüber  am  9.  Juli  an
Gramont,  war,  hier  eine  Audienz  beim  König  zu  erhalten.  Der  Adjutant  kam  vormittags,
  mir  zu  melden,  daß  der  König  mich  nachmittags  empfangen  werde.  Zur  bezeichneten
  Stunde  ließ  mich  der  König  rufen.  Ich  setzte  ihm  die  durch  die  Hohenzollernsche