490  Denischland  in  den  Jahren  1870—1871.

und  fügte  hinzu,  daß  die  Regierung  des  Kaisers  darin  eine  Bürgschaft  für  die  Befestigung
der  guten  Beziehungen  mit  der  preußischen  Regierung  sehen  würde.

Der  König  antwortete  mir:  man  dürfe  sich  über  den  Charakter  seiner  Beteiligung
an  der  Angelegenheit  keine  irrtümlichen  Gedanken  machen;  die  bezüglichen  Verhandlungen
sind  zwischen  der  spanischen  Regierung  und  dem  Prinzen  von  Hohenzollern  geführt  worden,
die  preußische  Regierung  ist  denselben  nicht  bloß  fremd  geblieben,  sie  hat  davon  gar  keine
Kenntnis  gehabt.  Der  König  selbst  hat  es  vermieden,  daran  teilzunehmen,  er  hat  es
verweigert,  einen  Abgesandten  der  spanischen  Regierung,  der  ein  Schreiben  des  Ministers
Prim  überbringen  sollte,  zu  empfangen,  indem  er  jedoch  den  Grasen  Bismarck  von
diesen  Zwischenfällen  unterrichtete.  Er  hat  sich  erst  zu  einer  Audienz  entschlossen,  als
der  Prinz  von  Hohenzollern  sich  entschlossen  hatte,  das  Anerbieten  anzunehmen,  und
seine  Einwilligung  dazu  erbat,  was  zur  Zeit  der  Ankunft  in  Ems  stattfand.  Er  habe
sich  darauf  beschränkt,  ihm  zu  erklären,  daß  er  seinem  Vorhaben  keine  Hindernisse  entgegensetzen
  wolle.  Nur  als  Familienoberhaupt,  durchaus  nicht  als  Souverän  Preußens,
ist  er  also  von  der  Sache  unterrichtet  worden  und  hat  er  sich  daran  beteiligt;  auch  hat
er  den  Ministerrat  nicht  mit  der  Sache  befaßt,  und  die  preußische  Regierung  kann  nicht
um  eine  Angelegenheit  zur  Rede  gestellt  werden,  die  sie  nicht  gekannt  hat,  und  mit  der
sie  nicht  mehr  gemein  hat  als  irgend  eine  andere  Regierung.“

Damit  konnte  sich  Frankreich  und  seine  Kriegspartei  nicht  zufrieden  geben.  „Wir
können  nicht  warten,  wenn  uns  nicht  in  den  Vorbereitungen  Preußen  zuvorkommen  soll.
Der  heutige  Tag  darf  nicht  zu  Ende  gehen,  ohne  daß  wir  anfangen“,  depeschierte
Gramont  an  Benedetti,  und  an  demselben  Tage  erhielt  der  Graf  die  Weisung:  „Schreiben
Sie  nur  eine  Depesche,  die  ich  in  den  Kammern  lesen  oder  veröffentlichen  kann,  in
welcher  Sie  darlegen,  daß  der  König  die  Annahme  seitens  des  Prinzen  von  Hohenzollern
gekannt  und  gebilligt  hat,  und  sagen  Sie  namentlich,  daß  er  verlangt  hat,  sich  erst  mit
dem  Prinzen  ins  Vernehmen  zu  setzen,  ehe  er  Ihnen  seinen  Entschluß  mitteilt.“  In  einer
weiteren  Audienz  stellte  Benedetti  wiederum  die  gleichen  Forderungen,  der  König  blieb
noch  immer  ruhig  und  in  den  Schranken  weiser  Mäßigung  diesen  Plänkeleien  gegenüber,
das  Drängen  der  Franzosen  mache  ihm  den  Eindruck,  als  sei  es  von  französischer  Seite
auf  einen  Konflikt  abgesehen,  äußerte  er.  Ich  kenne  die  Maßregeln,  die  in  Paris  getroffen
werden  und  verhehle  Ihnen  nicht,  daß  ich  auch  meinerseits  Maßregeln  treffen  werde,  um
nicht  überrascht  zu  werden.

In  Paris  nahmen  die  Dinge  indessen  immer  festere  Form  und  Gestalt  an.
Gramont  hielt  es  freilich  für  geraten,  angenblicklich  noch  etwas  „abzuwiegeln“.  Er  sehe
sich  nicht  imstande,  schon  jetzt  bindende  Erklärungen  abzugeben,  auch  die  Regierung
erwarte  erst  Mitteilungen,  die  sie  zu  irgend  einer  Beschlußfassung  bestimmten.  Dagegen
erschien  in  Berlin  die  Haltung  eine  ruhige  und  abwartende.  Der  Gedanke,  daß  eine
große  Nation  sich  um  einer  spanischen  Thronkandidatur  willen  in  einen  Krieg,  dessen
Erfolg  mindestens  zweifelhaft  sein  mußte,  stürzen  werde,  erschien  dort  kaum  glaublich.
In  maßgebenden  Kreisen  faßte  man  freilich  die  Sache  weit  ernster  auf.  In  einer  unter
dem  Präsidium  des  Kriegsministers  von  Roon  abgehaltenen  Sitzung  wurde  die  Frage
aufgeworfen,  ob  man  angesichts  der  kriegerischen  Vorbereitung  Frankreichs  besondere
militärische  Maßregeln  zu  treffen  habe.  Die  Nachricht,  daß  diese  Frage  verneint  worden
sei,  wirkte  beruhigend  auf  das  Publikum,  und  die  Beruhigung  wurde  noch  größer,  als