492  Dentschland  in  den  Jahren  1870—1871.

hielt  es  am  Morgen  des  13.  Juli,  als  der  König  seinen  Brunnentrank  nahm,  für
angezeigt,  seine  Wünsche  sofort  demselben  auszudrücken.  Von  dem  Entschuldigungsbrief
war  dabei  freilich  nicht  die  Rede,  sondern  nur  von  der  Forderung,  daß  der  König
niemals  seine  Einwilligung  geben  solle,  wenn  die  Kandidatur  des  Prinzen  von  Hohenzollern
wieder  auftauchen  sollte.  Diese  Zumutung  wurde  von  Benedetti  des  öfteren  wiederholt,
und  als  nun  die  Geduld  des  Königs  endlich  brach,  und  er  ihm  durch  seinen  Adjutanten
sagen  ließ,  daß  er  Benedetti  nichts  weiter  zu  sagen  habe,  da  glaubte  sich  dieser  auch  jetzt
noch  nicht  beruhigen  zu  dürfen.  „Das  nationale  Gefühl,  depeschierte  ihm  am  gleichen  Abend
noch  Gramont,  ist  in  Frankreich  so  überreizt,  daß  wir  für  unsere  Erklärungen  mit  großer
Mühe  Aufschub  bis  zum  Freitag  erlangt  haben.  Machen  Sie  eine  letzte  Anstrengung
beim  König.  Sagen  Sie  ihm,  daß  wir  uns  darauf  beschränken,  zu  erlangen,  daß  er
dem  Prinzen  von  Hohenzollern  verbiete,  auf  seinen  Verzicht  zurückzjukommen.  Er  braucht
Ihnen  nur  zu  sagen:  ich  werde  es  ihm  verbieten,  das  genügte  uns.  Wenn  der  König
in  der  Tat  keine  Hintergedanken  hat,  so  ist  es  für  ihn  eine  untergeordnete  Frage,  für
uns  aber  ist  sie  sehr  wichtig.  Das  Wort  des  Königs  allein  kann  uns  eine  Bürgschaft
für  die  Zukunft  geben.  Ich  habe  Grund  zu  der  Annahme,  daß  die  übrigen  Kabinette
uns  gerecht  und  gemäßigt  finden.  Der  Kaiser  Alexander  unterstützt  uns  mit  großer
Wärme.“  Allein  der  König  ließ  sich  nun  auf  keine  weiteren  Unterhandlungen  mehr  ein,
er  lehnte  es  entschieden  ab,  für  die  Zukunft  bindende  Versprechungen  zu  machen,  alle
weiteren  Verhandlungen  haben  von  da  an  durch  die  Ministerien  zu  gehen.  Benedetti
konnte  sich,  da  die  Art  und  Weise,  wie  ihn  der  König  abfertigte,  eine  durchaus  würdige
war,  nicht  beleidigt  fühlen.  Er  verabschiedete  sich  in  einer  erbetenen  Audienz  vom  König,
allein  sowohl  die  französische  Regierung,  als  auch  das  deutsche  Volk  faßten  die  Sache
anders  auf.  Auf  der  einen  Seite  das  Frohlocken  über  die  Beleidigung,  die  Frankreich  in
seinem  Botschafter  widerfahren  sei,  auf  deutscher  Seite  die  Freude  darüber,  daß  der  König
endlich  dem  französischen  Uebermut  gehörig  geantwortet  habe.  Dem  französischen  Botschafter
  war  die  Türe  gewiesen,  die  Frechheit,  mit  welcher  er  sich  immer  wieder  an  den
König  gedrängt  hatte,  war  gebührend  zurückgewiesen,  in  stolzem  Ernst  sah  das  Volk  auf
seinen  König,  und  wenn  man  auch  fühlte,  daß  der  Krieg  nun  unvermeidlich  sein  werde,
so  fühlte  man  doch  auch  zugleich  den  Mut  zu  einem  solchen,  man  war  bereit,  alles  an
seine  Ehre  zu  setzen.  Nicht  mit  Zweifeln  und  mit  Zagen,  mit  männlichem  Ernst  und
Entschlossenheit  ging  man  der  Zukunft  des  Krieges  entgegen,  an  eine  Niederlage  konnte
und  wollte  man  nicht  glauben,  diesem  aus  Meineid  und  Lüge  zusammengesetzten,  von
allerhand  Lügnern  und  Hetzern  gehaltenen  Kaisertum  konnte  der  Sieg  nicht  beschieden
sein.  Die  Nemesis  der  Geschichte  glaubte  man  nun  in  ihrer  ganzen  Gewalt  zu  verspüren,
  ein  Ruf  wie  Donnerhall,  wie  Schwertgeklirr  und  Wogenprall  brauste  nun  durch
ganz  Deutschland,  in  hunderttausendfachem  Gelöbnis  klang  das  Lied  durch  alle  Lande;
alle  Zwistigkeiten  und  alle  Uneinigkeiten  waren  vergessen;  „Was  ist  des  Deutschen  Vaterland,
  wir  fragen  heut'  nicht  mehr,  ein  Geist,  ein  Mann,  ein  einz'ger  Leib,  ein  Wille
sind  wir  heut“,  sang  der  Dichter  in  dieser  großen  Zeit,  die  Macht  patriotischer  Begeisterung
riß  auch  manchen  Widerwilligen  dahin,  die  Hoffnung  der  Franzosen,  daß  sich  Süddeutschland
freuen  werde,  das  preußische  Joch  abschütteln  zu  können,  erwies  sich  als  trügerisch,
niemand  wollte  etwas  von  einem  Auschluß  an  Frankreich  wissen,  ein  einiges  Deutschland
stand  Frankreich  gegenüber,  überall  wurde  der  König  von  Preußen  mit  stürmischem
Jubel  begrüßt,  und  seine  Reise  von  Ems  nach  Berlin  glich  einem  Triumphzug,  namentlich