494  Beutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

auch  in  Hessen  und  Hannover.  In  Berlin  aber  wurde  er  mit  unendlichem  Jubel  begrüßt,
bis  spät  in  den  Abend  umwogte  die  Menge  das  königliche  Schloß;  erst  als  man  um
11  Uhr  die  Kunde  vernahm,  der  König  wolle  Ruhe  haben,  zerstreute  sich  die  Menge.

In  dieser  Nacht  beschloß  der  Kriegsrat  die  Mobilmachung  des  Heeres  und  die
Einberufung  des  norddeutschen  Reichstages  auf  den  19.  Juli.  König  Wilhelm  aber
erneuerte  angesichts  der  ernsten  Lage  und  in  dankbarer  Erinnerung  an  die  Heldentaten
der  Vorfahren  an  eben  diesem  Tage,  dem  Todestage  seiner  Mutter,  der  Königin  Luise,
den  Orden  des  Eisernen  Kreuzes.

Der  Kronprinz,  Roon  und  Moltke  waren  dem  König  bis  Brandenburg  entgegengefahren,
  nachdem  mittags  schon  von  Paris  die  Mitteilung  eingelaufen  war,  daß  der
Krieg  endgültig  beschlossen  sei.  Die  Kriegspartei  hatte  dort  den  Tag  nach  der  Begegnung
des  Königs  mit  Benedetti  in  Ems  in  ängstlicher  Spannung  zugebracht.  Einen  Vorwand
des  Kriegs  konnte  man  nicht  finden,  der  Kaiser  schwankte  ratlos  hin  und  her,  endlich
mußte  er  sich  doch  zur  Mobilmachung  entschließen,  und  es  wurde  eine  Erklärung  festgestellt,
  die  am  nächsten  Tag  im  Senat  und  in  der  Kammer  zum  Vortrag  kommen  sollte.
„Wir  haben  nichts  versäumt,  um  einen  Krieg  zu  vermeiden,  wir  werden  uns  jetzt  rüsten,
den  Krieg  zu  führen,  den  man  uns  anbietet,  indem  wir  einem  jeden  den  auf  ihn  fallenden
Teil  der  Verantwortung  überlassen.“  Seine  Auseinandersetzungen  wurden  mit  stürmischem
Beifall  aufgenommen,  und  nach  diesem  erst  gelang  es  der  Opposition,  das  Wort  zu
bekommen.  Thiers  erhob  eine  förmliche  Anklage  gegen  die  Regierung.  „Ich  halte
diesen  Krieg  für  unklug“,  rief  er  aus,  „die  Ereignisse  von  1866  gingen  mir  mehr  nahe,
als  irgend  wem,  aber  die  Gelegenheit,  das  Uebel  wieder  gut  zu  machen,  ist  kläglich
gewählt.  Ich  bin  gewiß,  daß  Sie  eines  Tages  diese  Ueberstürzung  bereuen  werden.-Rouher
  erwiderte  dagegen:  „An  dem  Schwert  Frankreich  ist  es  jetzt,  seine  Pflicht  zu
tun.“  Thiers  Worte  hatten  freilich  doch  auch  manchen  ernüchtert;  gegen  10  Uhr  abends
kam  man  wieder  zusammen,  und  nun  begannen  noch  einmal  die  gleichen,  tumultuarischen
Scenen.  Die  öffentliche  Meinung  teilte  diese  kriegerische  Stimmung.  In  allen  großen
Städten,  nicht  allein  Paris,  wo  die  Marseillaise  nun  wieder  zu  Ehren  kam,  fanden
patriotische  Kundgebungen  statt,  der  Ruf:  „Nach  Berlin,  nach  Berlin“,  wurde  überall
vernommen,  die  französische  Fahne  mußte  in  Theatern  und  Konzerten  gezeigt  werden,
Adressen  an  den  Kaiser  liefen  in  zahlloser  Menge  ein.

Am  19.  Juli  wurde  in  Berlin  die  französische  Kriegserklärung  übergeben:  „Die
Regierung  Seiner  Majestät  des  Kaisers  der  Franzosen,  indem  sie  den  Plan,  einen
preußischen  Prinzen  auf  den  Thron  von  Spanien  zu  erheben,  nur  als  ein  gegen  die
territoriale  Sicherheit  Frankreichs  gerichtetes  Unternehmen  betrachten  kann,  hat  sich  in
die  Notwendigkeit  versetzt  gefunden,  von  Seiner  Majestät  dem  Könige  von  Preußen  die
Versicherung  zu  erlangen,  daß  eine  solche  Kombination  sich  nicht  mit  seiner  Zustimmung
verwirklichen  konnte.

Da  Seine  Majestät  der  König  von  Preußen  sich  geweigert,  diese  Zusicherung  zu
erteilen,  und  im  Gegenteil  den  Botschafter  Seiner  Majestät  des  Kaisers  der  Franzosen
bezeugt  hat,  daß  er  sich  für  diese  Eventualität,  wie  für  jede  andere  die  Möglichkeit  vorzubehalten
  gedenke,  die  Umstände  zu  Rate  zu  ziehen,  so  hat  die  kaiserliche  Regierung  in
dieser  Erklärung  des  Königs,  einen  Frankreich,  ebenso  wie  das  allgemeine  europäische
Gleichgewicht  bedrohenden  Hintergedanken  erblicken  müssen.

Diese  Erklärung  ist  noch  verschlimmert  worden  durch  die  den  Kabinetten  zugegangene