496  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

Die  Adresse  des  Reichstages  war  eine  durchaus  würdige  Antwort.

„Das  deutsche  Volk  weiß,  daß  ihm  ein  schwerer  und  gewaltiger  Kampf  bevorsteht.

Wir  vertrauen  auf  die  Tapferkeit  und  die  Vaterlandsliebe  unserer  bewaffneten
Brüder;  auf  den  unerschütterlichen  Entschluß  eines  einigen  Volks,  alle  Güter  dieser  Erde
daran  zu  setzen  und  nicht  zu  dulden,  daß  der  fremde  Eroberer  dem  deutschen  Mann  den
Nacken  beugt.

Wir  vertrauen  der  erfahrenen  Führung  des  greisen  Heldenkönigs,  des  deutschen
Feldherrn,  den  die  Vorsehung  beschieden  hat,  den  großen  Kampf,  den  der  Jüngling  vor
mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  kämpfte,  am  Abend  seines  Lebens  zum  entscheidenden
Ende  zu  führen.

Wir  vertrauen  auf  Gott,  dessen  Gericht  den  blutigen  Frevel  straft.

Von  den  Ufern  des  Meeres  bis  zum  Fuße  der  Alpen  hat  das  Volk  sich  auf  den
Ruf  seiner  einmütig  zusammenstehenden  Fürsten  erhoben.

Kein  Opfer  ist  zu  schwer.

Die  öffentliche  Stimmung  der  zivilisierten  Welt  erkennt  die  Gerechtigkeit  unserer
Sache.

Befreundete  Nationen  sehen  in  unserm  Sieg  die  Befreiung  von  dem  auch  auf  ihnen
lastenden  Druck  bonapartistischer  Herrschaft  und  die  Sühne  des  auch  an  ihnen  verübten
Unrechts.

Das  deutsche  Volk  aber  wird  endlich  auf  der  behaupteten  Wahlstatt  den  von  allen
Völkern  geachteten  Boden  friedlicher  und  freier  Einigung  finden.

Euer  Majestät  und  die  verbündeten  deutschen  Regierungen  sehen  uns  wie  unsere
Brüder  im  Süden  bereit.

Es  gilt  unsere  Ehre  und  unsere  Freiheit.

Es  gilt  die  Ruhe  Europas  und  die  Wohlfahrt  der  Völker.“

Bei  keiner  der  Vorlagen  wurden  Reden  gehalten.  Graf  Bismarck  legte  die  Aktenstücke
  über  den  Krieg  vor,  eine  Anleihe  von  120  Millionen  Talern  wurde  in  erster  und
zweiter  Lesung  ohne  Anstand  genehmigt;  48  Stunden  nach  seiner  Eröffnung  konnte  der
Reichstag  wieder  geschlossen  werden,  und  ebenso  schnell  arbeiteten  nun  der  Generalstab
und  das  Kriegsministerium.  Moltkes  Versicherung,  daß  die  Deutschen  vor  den  Franzosen
an  der  Grenze  sein  werden,  war  eine  Beruhigung  für  alle;  man  hatte  14  Tage  für  die
Konzentration  der  Truppen  in  Aussicht  genommen,  und  indessen  war  es  Bismarck
gelungen,  die  Franzosen  auf  diplomatischem  Felde  glänzend  zu  besiegen.  Den  Vertragsentwurf
  über  die  Eroberung  Belgiens,  den  ihm  Benedetti  1866  überlassen  hatte,  ließ  er
nun  in  der  Times  veröffentlichen,  und  eine  zusammenhängende  Darstellung  aller
französischen  Anerbietungen,  die  er  so  gewandt  vereitelt  hatte,  gab  der  Aufregung  darüber
noch  reiche  Nahrung.  Wenn  sich  auch  Benedetti,  Gramont  und  Olivier  bemühten,  dieses
Aktenstück  als  ein  Erzeugnis  Bismarcks  hinzustellen,  so  ließ  sich  die  Oeffentlichkeit  nun
doch  keinen  Sand  mehr  in  die  Augen  streuen,  und  in  England  war  man  sofort  dafür,
daß  man  Belgien  schützen  müsse.  Granville  war  es,  der  den  beiden  kriegsführenden
Mächten  am  30.  Juli  einen  Vertrag  vorschlug,  nach  welchem  sich  beide  verpflichteten,
den  etwaigen  Angriffen  des  andern  Teils  auf  das  neutrale  Königreich  gemeinsam  mit
England  entgegenzutreten,  und  Napoleon  sah  sich  wider  seinen  Willen  gezwungen,  diesen
Vertrag  zu  unterzeichnen.  Uebrigens  bezeichnete  man  allgemein  Frankreich  als  den  Ruhestörer,
  die  Times  nannte  diesen  absichtlich  angelegten  Krieg  das  größte  nationale  Ver-