498  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

konstatieren  sollten.  Allein  einer  solchen  Erklärung  entzog  sich  Granville  mit  dem  Vorwande,
  daß  dies  jetzt  am  16.  Juli  zu  spät  sei;  Beust  hing  mit  allen  seinen  Sympathieen
auf  Seiten  Frankreichs.  Dem  Scheine  nach  verkündigte  er  freilich,  daß  er,  wie  alle
andern  Mächte,  Neutralität  bewahren  werde,  in  einem  geheimen  Schreiben  aber  erklärte
er  dem  französischen  Kabinett,  daß  er  damit  nur  zur  Vervollständigung  seiner  Rüstungen
Zeit  gewinnen  und  den  Eintritt  in  den  Krieg  nur  so  lange  hinausschieben  wolle,  bis  es
die  Jahreszeit  Rußland  unmöglich  mache,  seine  Truppen  zusammenzuziehen.  Franz  Josef
werde  die  Sache  Frankreichs  als  seine  eigene  betrachten  und  innerhalb  der  ihm  gebotenen
Grenzen  zu  ihrem  Siege  nach  Kräften  beitragen.  Dies  konnte  freilich  ohne  den  Beistand
Italiens  nur  schwer  geschehen,  und  Beust  bat  deshalb  Napoleon,  seine  Truppen  aus
Italien  zurückzuziehen.  Allein  Napoleon  wollte  sich  auf  eine  Räumung  Roms  nicht  einlassen.
  Zudem  war  die  italienische  Linke  eifrig  bemüht,  das  Ministerium  bei  einer  aufrichtigen,
  unbewaffneten  Neutralität  zu  erhalten;  ein  Bündnis  von  Oesterreich  und  Italien
mit  Frankreich  wäre  indessen  nicht  ausgeblieben,  wenn  nicht  die  Ereignisse  rasch  auf  die
Stimmung  eingewirkt  hätten.  Wien  und  Florenz  schlossen  sich  einem  Neutralitätsbund
an,  den  Rußland  und  England  anregten  zu  dem  Zwecke,  die  Einmischung  einer  Großmacht
  von  der  Zustimmung  der  andern  abhängig  zu  machen.

Den  unterdessen  gepflogenen  diplomatischen  Verhandlungen  schenkte  man  so  lange
Aufmerksamkeit,  als  die  Truppen  noch  im  Aufmarsch  begriffen  waren.  Das  Verfahren,
das  man  auf  beiden  Seiten  einschlug,  um  seine  Truppen  zu  versammeln,  war  auch
hüben  und  drüben  ein  gänzlich  verschiedenes.  Im  Winter  1869  hatte  Moltke  einen
Mobilmachungsplan  ausgearbeitet,  der  nun  zu  Grunde  gelegt  wurde;  von  den  dreizehn
norddeutschen  Armeekorps  sollten  zunächst  drei  und  ein  halbes  zurückbleiben,  die  andern
sollten  in  der  Heimat  innerhalb  8  Tagen  mobil  gemacht  werden,  und  dann  auf  den  sechs
vorhandenen  Eisenbahnlinien  an  die  Grenze  geworfen  werden.  Sobald  der  König  die
Mobilmachung  befohlen  hatte,  wurden  diese  Pläne,  die  bereits  fertig  dalagen,  den  Befehlshabern
  zugeschickt.  Die  ersten  Abteilungen  mußten  am  zehnten  Tag  an  der  französischen
  Grenze  anlangen,  am  dreizehnten  mußten  zwei  Armeekorps  versammelt  sein,  am
achtzehnten  300  000  Mann  zur  Verfügung  stehen,  und  am  zwanzigsten  mußten  sich  auch
alle  Trains  eingefunden  haben.  Ebenso  genau  war  die  Gliederung  zu  den  drei  Armeekorps
  bestimmt.  Das  rheinische  und  westfälische  standen  unter  dem  General  von  Steinmetz,
sie  mußten  sich  längs  der  Saar  bis  Saarlouis  versammeln,  und  wurden  am  10.  August
durch  das  preußische  Korps  auf  etwa  85  000  Mann  gebracht.  Oestlich  von  dieser  sollte
sich  die  zweite  Armee  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  anschließen.  Ihre  Frontlinie
ging  von  Saarlouis  über  Saarbrücken  bis  Saargemünd.  Die  Garde,  die  Brandenburger,
die  Thüringer  und  Hannoveraner  bildeten  dieses  Heer,  dem  als  Reserve  noch  das  halbe
schleswig-holsteinsche  Korps  und  das  königlich  sächsische  Korps  beigegeben  waren.  Mit
den  später  noch  hinzukommenden  Pommern  bestand  diese  Armee  aus  220  000  Mann.
Die  dritte  Armee,  die  namentlich  für  den  Schutz  von  Süddeutschland  sorgen  sollte,  stand
unter  dem  Oberbefehl  des  Kronprinzen,  seine  Truppen  standen  zu  beiden  Seiten  des
Rheines,  um  Landau  und  Karlsruhe;  sie  umfaßten  die  Posener,  die  Hessen-Nassauer,
das  zweite  bayerische  Korps,  die  Württemberger  und  Badenser,  so  daß  ihre  Gesamtstärke
etwa  200000  Mann  betrug.  Die  Verteidigung  der  Küsten  unter  General  Vogel  von
Falkenstein  hatte  die  zurückgebliebene  schleswig-holsteinische  Division,  die  Gardelandwehr,
die  erste  und  zweite  Landwehrdivision  mit  anderen  Ersatz=  und  Besatzungstruppen,  etwa