500  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

—————8———  ————

90000  Mann,  übernommen.  Der  größere  Teil  der  Flotte  war  in  der  Nordsee,  das
Ostseegeschwader  wurde  von  Kontreadmiral  Heldt  kommandiert;  vier  Schiffe  befanden  sich
auf  auswärtigen  Stationen,  sechs  andere  konnten  wegen  mangelnder  Mannschaften  oder
notwendiger  Reparaturen  nicht  in  den  Dienst  gestellt  werden.  Eine  defensive  Haltung
war  somit  hier  geboten.  Mit  großer  Sicherheit  wurden  auf  deutscher  Seite  alle  Vorbereitungen
  getroffen.  An  2.  August  rückte  der  König  mit  dem  großen  Hauptquartier
in  Mainz  ein  und  der  Vormarsch  gegen  Frankreich  konnte  nun  jeden  Tag  beginnen.

Napoleons  leitender  Gedanke  war,  möglichst  schnell  eine  ansehnliche  Truppenmasse
bereit  zu  stellen  und  Süddeutschland  mit  derselben  zum  Abfall  von  Preußen  zu  zwingen;
Sammelpunkte  waren  Metz  und  Straßburg;  dort  wollte  Napoleon  150000,  hier  100000
Mann  vereinigen,  und  dann  beide  Heere  bei  Maxau  über  den  Rhein  führen.  Zudem
sollte  in  Chalons  eine  Reserve  von  50000  Mann  bereit  stehen,  und  an  der  norddeutschen
Küste  eine  Landungsarmee  von  30000  Mann  bereit  gehalten  werden.

Aber  alle  diese  Pläne  wurden  durch  die  mangelhafte  Ausrüstung  der  Truppen
gestört.  Der  Wirrwarr,  in  welchem  dieselben  an  die  Grenze  kamen,  war  ein  großer,  die
Regimenter,  die  zu  einem  Korps  vereinigt  werden  sollten,  machten  auf  der  Bahn  weite
Irrfahrten,  um  ihren  Bestimmungsort  zu  erreichen;  der  Kaiser,  der  seine  Gemahlin  zur
Regentin  eingesetzt  hatte,  und  selbst  den  Oberbefehl  übernahm,  fand  in  Metz,  wo  er  am
28.  Juli  eintraf,  etwa  130  000,  in  Straßburg  nicht  einmal  50000  Mann  versammelt,
es  fehlte  an  Pferden,  an  Verpflegungskolonnen,  an  Aerzten  und  Verwaltungsbeamten;
kein  einziges  Korps  war  in  voller  Stärke  oder  gar  in  kriegstüchtigem  Zustande.  Aehnliche
traurige  Verhältnisse  herrschten  bei  der  Flotte,  an  Bord  der  acht  Schiffe,  die  von  Cherbourg
  ausfuhren,  befand  sich  keine  Landungsarmee,  die  Ausrüstung  war  so  mangelhaft,
daß  man  an  größere  Unternehmungen  gar  nicht  denken  konnte.

Das  zweite  Armeekorps,  Frossard,  war  noch  am  besten  gerüstet  für  Eröffnung  der
Feindseligkeiten.  Nachdem  es  am  18.  Juli  in  St.  Avold,  etliche  Meilen  südlich  von
Saarlouis,  eingetroffen  war,  schob  es  sich  in  den  nächsten  Tagen  auf  Forbach  vor.  In
Saarbrücken  stand  ihm  gegenüber  nur  ein  hohenzollernsches  Bataillon  und  einige
Schwadronen  Ulanen.  Aber  man  wagte  auch  diese  nicht  anzugreifen,  und  so  kam  es  nur
zu  kleinen  und  unbedeutenden  Scharmützeln.  Indessen  waren  auch  das  dritte,  vierte  und
fünfte  Korps  eingerückt,  Napoleon  stellte  alle  unter  den  Befehl  von  Bazaine,  der  am
31.  Juli  gegen  Saarbrücken  vorgehen  sollte.  Allein  er  sowohl,  wie  die  andern  Korpsführer
  erklärten,  daß  dies  bei  der  mangelhaften  Ausrüstung  unmöglich  sei.  Man  hatte
von  der  tatsächlichen  Stärke  der  Preußen  keine  Ahnung,  während  deutscherseits  kühne
Streifritte  die  nötige  Aufklärung  über  die  Stellung  und  Stärke  des  Feindes  verschafften.
Am  2.  August  bestand  endlich  Napoleon  darauf,  daß  Frossard  eine  gewallige  Rekognoszierung
gegen  Saarbrücken  ausführen  ließ.  Von  den  Preußen  wurde  der  Kampf  mutig  angenommen,
  natürlich  mit  dem  festen  Entschluß,  im  richtigen  Augenblick  den  Rückzug  anzutreten.
  Napoleon  erschien  mit  seinem  Sohne,  der  hier  die  Feuertaufe  erhalten  und
die  erste  Mitrailleuse  auf  die  Preußen  abfeuern  sollte,  persönlich  auf  dem  Schlachtfeld-Das
  ganze  Gefecht  war  nur  ein  Scharmützel;  allein  die  Pariser  Blätter  erhoben  ein
Jubelgeschrei  über  ihren  ersten  Sieg,  die  Kaltblütigkeit  des  jungen  Prinzen,  die  Chassepots
  und  Mitrailleusen  wurden  in  allen  Tonarten  gepriesen,  und  man  schwang  sich

sogar  zu  der  Behauptung  auf,  daß  vom  2.  August  ab  eine  neue  Geschichtsperiode  datieren
werde.