504  Deutschland  in  den  Jahren  1870—1871.

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würfen  beschäftigt  war,  setzten  die  deutschen  Armeen  ihren  Vormarsch  gegen  die  Mosel
in  der  Weise  fort,  daß  der  rechte  Flügel  sich  nur  langsam  vorwärts  bewegte,  während
das  Zentrum  und  der  linke  Flügel  in  weit  stärkeren  Märschen  vorwärts  rücken  sollten.
Nirgends  fand  eine  dieser  drei  Armeen  ernsthaften  Widerstand,  es  galt  verschiedene  kleine
Festungen  zu  beschießen  und  einzunehmen,  der  Kronprinz  erhielt,  sobald  er  die  Vogesen
im  Rücken  hatte,  den  Befehl  zum  gemeinsamen  Vorrücken  aller  drei  Armeen.

Indessen  hatte  sich  König  Wilhelm  selbst  bei  seinen  preußischen  Truppen  eingefunden
und  rückte  in  Verbindung  mit  anderen  deutschen  Truppen  nun  in  Lothringen  ein,  um
von  dort  aus  Besitz  von  Nanzig  und  dem  ganzen  offenen  Land  zu  nehmen.  In  einer
Proklamation  an  seine  Truppen  sagte  er:  „Ich  führe  Krieg  mit  den  französischen  Soldaten
und  nicht  mit  den  Bürgern  Frankreichs.  Diese  werden  demnach  fortfahren,  eine  voll—
kommene  Sicherheit  ihrer  Person  und  ihres  Eigentums  zu  genießen,  und  zwar  so  lange,
als  sie  mich  nicht  selbst  durch  feindliche  Unternehmungen  gegen  die  deutschen  Truppen
des  Rechts  berauben  werden,  ihnen  meinen  Schutz  angedeihen  zu  lassen.“  Allein  von
französischer  Seite  nahm  der  Krieg  mehr  und  mehr  den  Charakter  eines  Volkskriegs  an,
man  ging  in  der  härtesten  Weise  gegen  jedes  deutsche  Element  vor.

Nachdem  der  Kronprinz  in  Nanzig  eingezogen  war,  konnte  man  Lothringen  als
ein  erobertes  Land  ansehen,  wenn  sich  auch  Metz,  Diedenhofen  und  einige  kleinere  Grenzfestungen
  noch  in  Feindeshand  befanden.  Schon  jetzt  hatte  man  von  seiten  Preußens  die
Zurückgewinnung  dieses  früher  zu  Deutschland  gehörigen  Gebietes  beabsichtigt,  in  Elsaß
und  Lothringen  wurden  deutsche  Verwaltungsbeamte  eingesetzt,  und  mit  Staunen  und
Bewunderung  blickte  die  Welt  auf  diese  Siege  des  deutschen  Heeres.

Napoleon  selbst  mochte  wohl  ahnen,  daß  es  mit  seiner  Herrschaft  vorbei  sei;  ein
Artikel  seiner  amtlichen  Zeitung  vom  8.  August  zeigte  einen  offenbaren  Hilferuf  an  das
Ausland.  „Es  gibt  im  Leben  der  Völker,  heißt  dieser  bemerkenswerte  Artikel,  feierliche
und  entscheidende  Stunden,  in  welchen  Gott  ihnen  Gelegenheit  gibt,  zu  zeigen,  was  sie
sind,  was  sie  vermögen.  Dieser  Augenblick  ist  für  Frankreich  gekommen;  man  behauptet
manchmal,  daß  die  große  Nation,  unerschrocken  im  Aufschwung  und  Erfolge,  schwer
Unglücksfälle  ertrug.  Was  vor  uns  nun  vorgeht,  berichtigt  diese  Verleumdung.  Die
Haltung  der  Bevölkerung  ist  nicht  die  der  Entmutigung,  sie  ist  die  der  patriotischen  Wut
und  erhaben.  Gegen  die  Eindringlinge  in  Frankreich,  wo  sie  ihr  Grab  sinden  sollen,
werden  alle  Franzosen  sich  erheben  wie  ein  Mann.  Sie  denken  an  ihre  Vorfahren,  und
ihre  Abkömmlinge  haben  Jahrhunderte  des  Ruhms  hinter  sich  und  eine  Zukunft  vor
sich,  die  ihr  Heroismus  frei  und  mächtig  machen  soll.  Niemals  war  das  Vaterland  für
den  Geist  der  Ergebenheit  und  Opferwilligkeit  besser  vorbereitet,  niemals  ließ  es  in  imposanter
  und  großartigerer  Weise  die  Kraft  und  den  Stolz  des  Nationalcharakters  erblicken.
  Es  schreit  mit  Enthusiasmus:  Auf  zu  den  Waffen!  Siegen  oder  sterben  ist
seine  Devise.  Während  unsere  Soldaten  den  Boden  des  Vaterlandes  heroisch  verteidigen,
beunruhigt  sich  Europa  mit  Recht  über  die  Erfolge  Preußens.  Man  weiß  nicht,  wie
weit  der  Ehrgeiz  dieser  unersättlichen  Macht  gehen  würde,  wenn  sie  durch  einen  endgültigen
Triumph  überreizt  würde.  Es  ist  ein  unveränderliches  Gesetz  der  Geschichte,  daß  jedes
Volk,  das  durch  übertriebene  Gelüste  das  allgemeine  Gleichgewicht  stört,  einen  Rückschlag
gegen  seine  Siege  hervorruft,  und  alle  anderen  Völker  gegen  sich  kehrt.  Es  kann  nicht
fehlen,  daß  diese  Wahrheit  sich  noch  einmal  durch  Tatsachen  bewähre.  Wer  ist  demnach
an  der  Wiedererstehung  des  Kaisertums  in  Deutschland  interessiert,  wer  kann  denn