506  Deutschland  in  den  Jahren  1870  —  1871.

wünschen,  daß  die  Nordsee  und  Ostsee  preußische  Seen  werden.  Sind  es  Schweden,
Norwegen,  Dänemark,  die  der  Triumph  Preußens  vernichten  würde?  Ist  es  Rußland,
das  mehr  als  irgend  eine  andere  Macht  dabei  interessiert  ist,  das  Gleichgewicht  im  Norden
gegen  die  germanischen  Gelüste  zu  retten?  Ist  es  England,  das  als  große  See=  und
Schutzmacht  Dänemarks  den  Fortschritten  der  preußischen  Marine  widerstreitet?  Ist  es
das  durch  die  kühnen  Intriguen  Bismarcks  bereits  bedrohte  Holland?  Was  Oesterreich
betrifft,  so  würde  die  Wiederherstellung  des  germanischen  Kaisertums  zum  Vorteile  des
Hauses  Hohenzollern  der  verhängnisvollste  Schlag  nicht  nur  gegen  die  Dynastie  Habs—
burg,  sondern  auch  gegen  den  Bestand  der  österreichisch=  ungarischen  Monarchie  sein.
Preußen  wird  sicherlich  versuchen,  dem  Wiener  Kabinett  Versprechungen  zu  machen,  aber
man  kennt  den  Glauben,  den  man  den  Worten  Bismarcks  schenken  darf.  Würde  jedwede
angebliche  Garantie  jemals  stärker  sein  als  die  Bande,  welche  Preußen  mit  dem  deutschen
Bunde  vereinigten,  und  die  Preußen  uns  und  seinen  Pflichten  und  Verpflichtungen  zum
Trotze  so  gewalttätig  zerreißen?  Der  endgültige  Triumph  Hohenzollerns  würde  für
Italien  nicht  weniger  unheilvoll  als  für  Oesterreich  sein.  Ein  germanisches  Kaisertum
würde  um  jeden  Preis  Küsten  haben  wollen;  es  müßte  dieselben  im  Süden,  ebenso  wie
im  Norden,  es  würde  Venedig  und  Triest  ebenso  wie  Kiel  und  Amsterdam  haben  wollen.
Italien  wäre  in  seiner  Regenerierung  gefährdet.  Wir  apellieren  mit  Vertrauen  an  die  Weisheit
  der  Regierungen  und  Völker,  um  Europa  dem  preußischen  Despotismus  zu  entreißen;
um  uns  zu  helfen,  sei  es  durch  Allianzen,  sei  es  durch  Sympathieen,  um  das  europälsche
Gleichgewicht  zu  retten.  Bereits  sind  günstige  Anzeichen  von  England  zu  signalisieren,
das  durch  unsere  so  kategorischen  und  so  loyalen  Erklärungen  bezüglich  der  belgischen
Neutralität,  vollständig  befriedigt  unfre  Nordgrenze  deckt,  indem  es  sich  bereit  zeigt,  sie
von  der  belgischen  Seite  zu  verteidigen,  wenn  Preußen  sie  verletzen  wolle.  Schweden,
Norwegen  und  Dänemark  zeigen  eine  von  Patriotismus  gehobene  Haltung.  Der  Kaiser
von  Rußland  beehrt  unsern  Botschafter  mit  ganz  besonderem  Wohlwollen,  und  die  hervorragensten
  Organe  der  russischen  Presse  führen  eine  ungünstige  Sprache  für  die
preußische  Sache.  Die  Wiener  Journale,  welche  anfänglich  schüchtern  gereifte  Sympathieen
  für  Bismarck  zeigten,  sind  gezwungen,  der  öffentlichen  Meinung  nachzugeben  und
führen  eine  den  wahrhaften  Interessen  Oesterreichs  entsprechende  Sprache.  Der  Kaiser
von  Oesterreich,  der  König  von  Italien  und  ihre  Regierungen  bezeugen  uns  mehr  und
mehr  befriedigende  Dispositionen,  Oesterreich  und  Italien  rüsten  tätig.  Die  Ministerien
von  Wien  und  Pest  gehorchen  einem  gemeinsamen  Gedanken,  und  der  Augenblick  naht,
wo  Preußen  von  dieser  Seite  her  den  ernstesten  und  schwierigsten  Verlegenheiten  begegnen
wird.  Unsere  Diplomatie  wird  nicht  minder  tätig  sein  als  unsere  Armee.  Frankreich
macht  eine  äußerste  Anstrengung!  Vertrauen!  Vertrauen!  Unser  Patriotismus  ist  auf
der  Höhe  aller  Gefahren.  Je  schwieriger  die  Verhältnisse  werden,  desto  energischer  wird
die  Nation  sein!  Alle  Spaltungen  hören  auf,  die  französische  Größe  drückt  einmütig
die  praktischsten  Gedanken  aus,  die  edelste  Mitwirkung  des  Senats  und  des  gesetzgebenden
Körpers  wird  unsern  Truppen  neue  Stärlke  verleihen,  und  das  Frankreich  von  1870  wird
den  Völkern  Europas  zeigen,  daß  wir  noch  nicht  entartet  sind.“

Es  war  die  Mitte  des  August,  als  sich  an  der  Mosel  große  Ereignisse  vorbereiteten.
Eben  als  der  Kronprinz  mit  seiner  dritten  Armee  gegen  Nancy  zog,  nachdem  er  die
Belagerung  Straßburgs  abgegeben  und  ein  kleines  Heer  gegen  die  Festung  Marsall  entsendet
  hatte,  rückte  die  erste  Armee  unter  Steinmetz  gerade  gegen  Metz  vor,  wo  mehr