508  Dentschlaud  in  den  Jahren  1870—1871.

das  Treffen  nicht  annehmen,  oder  er  mußte  seine  ganze  Streitmacht  nach  Osten  rüsten,
und  die  Gegend  zwischen  Metz  und  Diedenhofen  mußte  zum  Schlachtfeld  gemacht  werden.

Am  folgenden  Tage,  dem  Napoleonstag,  den  man  als  Einzugstag  in  Berlin  bestimmt
  hatte,  am  15.  August,  brachen  die  Franzosen  mit  ihrer  ganzen  Stärke  von  Metz
auf,  um  auf  den  beiden  südlichen  Straßen  über  Rezonville,  Vionville  und  Mars-la-Tour
oder  Doncourt,  Jarny  und  Etonn  gegen  Verdun  zu  marschieren.  Allein  es  gelang
Bazaine  nicht,  sich  so  schnell  zu  bewegen,  daß  ihn  nicht  die  Vortruppen  der  zweiten
Armee  am  Abend  bei  Tronville,  Mars-la-Tour  und  Vionville  erreicht  hätten.
Man  war  von  deutscher  Seite  entschlossen,  die  französische  Armee  zwischen  Mosel  und
Maas  zum  Stehen  zu  bringen  und  zu  einer  Entscheidungsschlacht  zu  zwingen,  und  so
mußten  denn  die  Vortruppen  am  andern  Morgen,  am  16.  August,  ins  Feld  rücken.  Sie
hatten  die  Uebermacht  so  lange  aufzuhalten,  bis  andere  Teile  der  zweiten  Armee  dazu
gekommen  waren.  Hier  war  es  nun  namentlich  das  dritte  Armeekorps,  Brandenburger
Infanterie  unter  General  von  Alvensleben,  eine  Abteilung  des  zehnten  Armeekorps,  welche
diese  Aufgabe  mit  bewundernswerter  Energie  lösten.  Beinahe  sechs  Stunden  standen
sie  auf  den  Höhen  von  Tronville  bis  Rezonville  den  Feinden  gegenüber,  die  Dioisionsgenerale
  Krantz,  Schwarzkoppen,  Stülpnagel,  Buddenbrock,  Rheinbaben  errangen  blutige
Lorbeeren,  unter  dem  Feuer  der  französichen  Geschütze  sanken  ganze  Reiterschwadronen
zusammen,  einige  Kavallerie-Regimenter  der  Garde  wurden  beinahe  ganz  vernichtet;  der
Heldenmut  war  ein  beinahe  übermenschlicher,  allein  durch  ihn  gelang  es  den  nachrückenden
Truppen,  noch  in  das  Gefecht  einzugreifen,  um  den  Abzug  des  Feindes  zu  verhindern.
Am  Abend  behaupteten  de  Deutschen  die  Schlachtlinie  von  Mars-la-Tour-Vionnille,
Rezonville  bis  Gravelotte  gegen  die  noch  immer  weit  stärkere  Kriegsmacht.  Die  Franzosen,
  die  nun  wohl  einsahen,  daß  es  dem  Feinde  nur  darum  zu  tun  war,  sie  in  die
Festungswerke  zu  bannen,  kämpften  mit  dem  Mute  der  Verzweiflung,  Bazaine  selbst
entwickelte  eine  bewundernswerte  persönliche  Tapferkeit,  allein  der  Sieg  blieb  trotzdem
auf  deutscher  Seite.  Bazaine  ließ  sich  indessen  dadurch  nicht  entmutigen.  Seinem  Berichte
  nach  war  bei  Mars-la-Tour  der  Vorteil  am  Ende  auf  seiner  Seite  geblieben,  und
er  habe  sich  nur  deshalb  näher  an  die  Festung  herangezogen,  um  frische  Munition  zu
fassen,  und  dann  von  neuem  den  Kampf  aufzunehmen.  Zu  einem  Defensiokrieg,  wie  die
Franzosen  ihn  nun  vorzogen,  war  die  hügelige  Gegend  von  Metz  denn  auch  besonders
geeignet.  Hier  sollte  nunmehr  der  Entscheidungskampf  gesucht  und  dann  der  Rückzug
nach  Verdun  angetreten  werden.  Namentlich  war  es  der  Kriegsminister  Niel,  der  hierbei
bestimmend  war  und  dabei  insonderheit  auch  auf  die  Wirkung  der  Chassepots-Gewehre
und  der  Mitrailleusen  rechnete.  Die  Truppen  sollten  Stellungen  einnehmen,  die  ein
weites  Schußfeld  und  bedingte  Zugänglichkeit  hätten;  dort  sollten  sie  durch  Schützengräben
  und  Schanzen  gedeckt  den  Feind  erwarten,  denselben  durch  ihr  Feuer  in  Unordnung
  bringen  und  am  Ende  selbst  zum  Angriff  übergehen.  Für  Bazaine  lag  alles
vorteilhaft.  Der  Mut  seiner  Truppen  war  noch  keineswegs  gebrochen,  die  Mißerfolge
hatten  in  ihnen  eine  wahre  Kampfeswut  erzeugt,  seine  Truppen  standen  den  deutschen
in  der  Zahl  kaum  nach,  und  waren  zudem  setzt  schon  vereinigt,  während  auf  deutscher
Seite  noch  mehrere  preußische  Korps  fehlten,  die  erst  gegen  Mittag  ankommen  konnten.
Zudem  mußte  ihm  seine  Aufstellung  als  unüberwindlich  erscheinen.  Auf  einem  Höhenkamm,
  der  sich  westlich  von  Metz  drei  Stunden  weit  von  Jussy  bis  St.  Privat  und
Roncourt  hinzieht,  hatten  die  Franzosen  mit  500  Geschützen  und  150  Mitrailleusen  Auf-