514  Dentschland  in  den  Jahren  1870  —1871.

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Nun  erteilte  Napoleon  dem  General  Wimpffen  den  Befehl  zu  kapitulieren.  Eben
als  die  Parlamentärflagge  an  dem  Tore  von  Sedan  wehte,  traf  Oberst  Bronsart  von
Schellendorf  aus  Frenois  ein,  um  im  Namen  des  Königs  von  Preußen  die  Kapitulation
zu  verlangen.  Von  dem  französischen  General  Reille  begleitet,  ging  er  zurück,  und  dieser
überbrachte  dem  König  von  Preußen  das  bekannte  Handschreiben  Napoleons:  „Da  es
mir  nicht  vergönnt  war,  in  der  Mitte  meiner  Armee  zu  sterben,  so  bleibt  mir  nichts
übrig,  als  meinen  Degen  in  die  Hände  Ew.  Majestät  niederzulegen.“  Es  war  das
freilich  nur  eine  persönliche  Unterwerfung,  da  die  Abschließung  der  Kapitulation  selbst
von  dem  General  Wimpffen  und  der  Regentschaft  in  Paris  abhing.  Dieser  trat  nun  in
der  Nacht  vom  1.  auf  den  2.  September  mit  Bismarck  und  Moltke  in  Unterhandlung,
allein  er  bemühte  sich  vergeben,  die  preußischen  Generäle  zur  Milde  zu  stimmen,  sie
müßten  „ein  materielles  Pfand  für  die  Befestigung  der  gewonnenen  militärischen  Resultate
in  der  Hand  haben“,  und  Moltke  bestand  deswegen  auf  seiner  Forderung  der  Waffenstreckung
  und  der  Uebergabe  der  Armee  auf  Gnade  und  Ungnade.  Er  gewährte  nur  eine
kurze  Bedenkzeit,  sei  diese  verflossen,  so  werde  die  Beschießung  der  Festung  von  neuem
beginnen.  Um  6  Uhr  morgens  wurde  die  Kapitulation  unterzeichnet  und  von  dem  König
in  Vendresse  bestätigt.  „Welch'’'  eine  Wendung  durch  Gottes  Führung“,  hatte  der  König
nach  Berlin  gemeldet,  und  es  war  in  der  Tat  ein  Schauspiel,  wie  es  in  Jahrhunderten
nicht  zu  sehen  gewesen.  Außer  den  25000  Gefangenen  während  der  Schlacht  ergab  sich
dem  Sieger  ein  Heer  von  83  000  Mann,  1  Marschall,  40  Generäle,  230  Stabsoffiziere,
2600  Offiziere  und  Militärbeamte;  330  Feldgeschütze,  70  Mitrailleusen,  150  Festungsgeschütze
  und  10  000  Pferde  fielen  in  die  Hände  der  Sieger.  Den  Offizieren,  welche  sich
auf  Ehrenwort  verpflichteten,  ihre  Waffen  nicht  mehr  gegen  Deutschland  zu  tragen,
wurden  dieselben  gelassen,  die  übrigen  behielt  man  in  Kriegsgefangenschaft  und  die  Armee
selbst  wurde  in  den  deutschen  Festungen  untergebracht.

„Vielleicht  war  die  Versicherung  Napoleons,  daß  er  den  Tod  auf  dem  Schlachtfeld
gesucht,  aber  nicht  gesunden  habe,  keine  Phrase,  wenigstens  war  das  Schicksal  des  von
körperlichen  Schmerzen  und  Seelenleiden  schwer  heimgesuchten  Mannes  so  ernst  und
tragisch,  daß  zur  Heuchelei  kein  Raum  war,  und  daß  er  sich  persönlichen  Gefahren  ausgesetzt,
  ward  von  verschiedenen  Seiten  behauptet.  Erst  in  der  Folge  wurde  ihm  die
Aeußerung  in  den  Mund  gelegt,  „der  Tod  in  der  Schlacht  sei  schön  —  in  der  Poesie.=Mit
  dem  gespanntesten  Interesse  vernahm  man  in  Deutschland  die  Berichte  über  den
Hergang  bei  seiner  Ergebung;  wie  er  begleitet  vom  Grafen  Bismarck  zunächst  in  einem
kleinen  ärmlichen  Arbeiterhause  am  Wege  nach  Donchery  abstieg,  wie  er  dann  mit  dem
deutschen  Staatsmann  auf  eine  steinerne  Bank  vor  der  Türe  sich  setzend,  demselben
sagte,  er  selbst  habe  den  Krieg  nicht  gewollt,  sei  aber  durch  den  Druck  der  öffentlichen
Meinung  in  Frankreich  zu  dem  Waffengang  gedrängt  worden,  wie  dann  beide  nach  dem
Schlößchen  Bellevue  bei  Frenois  sich  begaben,  wo  König  Wilhelm  und  der  Kronprinz
sich  einfanden,  und  jene  Unterredung  gehalten  ward,  von  der  ein  Telegramm  an  die
Königin  Augusta  berichtete:  „Welch'  ein  ergreifender  Augenblick,  der  der  Begegnung  mit
Napoleon.  Er  war  gebeugt,  aber  würdig  in  seiner  Haltung  und  ergeben.  Ich  habe
ihm  Wilhelmshöhe  bei  Kassel  zum  Aufenthalt  gegeben.  Unsere  Begegnung  fand  in  einem
kleinen  Schlößchen  vor  dem  westlichen  Glacis  von  Sedan  statt.“  Die  Besichtigung  der
deutschen  Armee,  welche  der  König  darauf  vornahm,  die  erhebenden  Dankesworte,  die  er  den
vereinigten  Truppen  und  Führern  aussprach,  und  der  begeisterte  Empfang,  den  der  greise