516  YDeutschland  in  den  Jahren  1870—187/1.

punkt  der  Menschheit,  Paris  ist  die  heilige  Stadt.  Wer  Paris  angreift,  greift  das  ganze
Menschengeschlecht  an.  Paris  ist  die  Hauptstadt  der  Zivilisation,  die  weder  ein  Kaiserreich
  noch  ein  Königreich,  sondern  das  ganze  Menschengeschlecht  in  seiner  Vergangenheir
und  Gegenwart  darstellt.  Daß  eine  solche  Stadt,  eine  solche  Hauptstadt,  ein  solcher  Herd
des  Lichts,  ein  solcher  Mittelpunkt  der  Geister,  Herzen  und  Seelen,  ein  solches  Gehirn
des  allgemeinen  Gedankens  entweiht,  zerschmettert,  gestürmt  werden  könnte,  und  durch
wen?  Durch  einen  Einfall  von  Wilden,  das  ist  nicht  möglich!“  Allein  wenn  auch  neben
diesem  poetischen  Phrasengeklingel  Jules  Favre  erklärte:  „Wir  überlassen  keinen  Finger
breit  Erde,  keinen  Stein  unserer  Festungen,“  wenn  er  auch  mehr  als  einmal  erklärte:
„Wir  wollen  nur  den  Frieden.  Aber  wenn  man  einen  verderblichen  Krieg,  den  wir
verdammt  haben,  gegen  uns  fortsetzt,  so  werden  wir  unsere  Pflicht  bis  zu  Ende  tun,  und
ich  habe  die  feste  Ueberzeugung,  daß  unsere  Sache,  welche  die  des  Rechtes  und  der  Gerechtigkeit
  ist,  schließlich  den  Sieg  davontragen  wird.“  In  Deutschland  glaubte  man  die
Sache  doch  mit  ganz  anderen  Augen  ansehen  zu  müssen,  und  war  seinerseits  gerüstet,
allen  Zumutungen  Frankreichs  mit  Entschiedenheit  entgegenzutreten.

„Die  Republikaner“,  sagte  die  Provinzial-Korrespondenz  vom  14.  September,  „welche
für  den  Augenblick  die  öffentliche  Gewalt  in  Paris  ausüben,  haben  den  deutschen  Heeren
die  wunderliche  Zumutung  gestellt,  nach  allen  den  blutigen  Kämpfen  und  Siegen,  welche
uns  vor  die  Hauptstadt  Frankreichs  geführt  haben,  nunmehr  auf  Grund  der  Gefangennahme
  des  Kaisers  Napoleon  einfach  über  den  Rhein  zurückzukehren,  ohne  einen  anderen
Siegespreis  als  die  Verzeihung  der  französischen  Republik  für  das  siegreiche  Vordringen
in  Frankreich."“

König  Wilhelm  selbst  habe  ja  erklärt,  daß  er  nicht  gegen  Frankreich,  sondern  gegen
die  Regierung  des  Kaisers  Krieg  führe;  jetzt  habe  Frankreich  eine  Regierung,  welche  die
Kriegspolitik  des  Kaisers  verurteile.  Wolle  der  König  von  Preußen  den  ruchlosen  Krieg
dennoch  fortsetzen,  so  werde  er  allein  die  Verantwortung  dafür  zu  tragen  haben.“

Es  bedarf  kaum  eines  Wortes,  um  diese  einfältige  Zumutung  zurückzuweisen,  nur
die  tatsächlichen  Behauptungen,  auf  welche  dieselbe  begründet  ist,  erfordern  eine  nähere
Beleuchtung.

Zunächst  sind  die  angeblichen  Aeußerungen  unseres  Königs  gefälscht  worden.

Wohl  hatte  König  Wilhelm  in  seiner  Thronrede  vom  20.  Juli  darauf  hingewiesen,
daß  das  deutsche  und  das  französische  Volk  zu  einem  heilsameren  Wettkampf  berufen
seien,  als  zu  dem  blutigen  der  Waffen  —  wohl  hatte  er  beklagt,  daß  die  Machthaber
Frankreichs  es  verstanden  hätten,  das  wohlberechtigte,  reizbare  Selbstgefühl  Frankreichs
für  persönliche  Interessen  und  Leidenschaften  auszubeuten  —  aber  niemals  hat  der  König
der  Meinung  Ausdruck  gegeben,  daß  das  französische  Volk  etwa  widerwillig  in  den  Krieg
gegangen  sei,  niemals  angedeutet,  daß  er  den  Krieg  nur  gegen  Napoleon,  nicht  gegen
Frankreich  führe.  Beim  Einrücken  in  Frankreich  verkündigte  der  König  allerdings,  daß
seine  Armeen  nur  die  Soldaten  Frankreichs,  nicht  den  friedlichen  Bürger  bekriegen;  und
das  haben  die  deutschen  Heere  treulich  beachtet  und  befolgt,  soweit  die  Bürger  Frankreichs
es  durch  ihr  Verhalten  möglich  gemacht  haben.

Die  Soldaten  aber,  welche  wir  zu  bekriegen  hatten,  waren  nicht  Söldner  des  kaiserlichen
  Beherrschers,  es  waren  die  Soldaten  Frankreichs.  Als  solche  werden  sie  von  der
neuen  Regierung  selbst  ob  ihrer  Haltung  bewundert  und  gerühmt.  Feierlich  wird  verkündet,
  das  Heer  stehe  in  seinen  Niederlagen  größer  da,  als  in  den  glänzendsten  Siegen.