522  Deuischland  in  den  Jahren  1870  —1871.

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alle  mit  heldenmütiger  Tapferkeit  zurückschlugen,  vor  den  Wällen  oder  unter  den  Händen
der  Militärärzte  seinen  Wunden  erlegen,  wie  mancher  in  den  Lazareten  am  Typhus,  an
der  Ruhr,  an  anderen  epidemischen  Krankheiten  gestorben,  wie  mancher  mit  verstümmeltem
oder  siechem  Körper  heimgekehrt.  Die  meisten  Gefahren  drohten  vor  Metz.  Hier  lagerte
die  Armee  auf  einem  Leichenfeld,  wie  die  Geschichte  kaum  ein  zweites  kennt,  und  in  den
aus  demselben  aufsteigenden  Miasmen  lag  eine  Gefahr,  welche  selbst  den  schließlichen
Erfolg  in  Frage  stellen  konnte.  Diese  Gefahr  wuchs,  als  vom  6.  September  an  unaufhörliche
  Regengüsse  den  Boden  durchweichten,  die  Erde  von  den  mühsam  aufgerichteten
Grabhügeln  wegschwemmten  und  die  Biwaksplätze  der  Truppen  allmählich  in  wahre
Moraste  verwandelten.  In  der  Tat  begannen  Ruhr  und  Typhus  die  Reihen  zu  lichten,
die  Krankenzahl  stieg  auf  15  Prozent.  Allein  die  Truppen  hielten  standhaft  aus  und
überwanden  alle  Schwierigkeiten  ihrer  Lage,  unterstützt  und  ermutigt  durch  die  Sorgfalt
ihrer  Vorgesetzten,  wie  durch  die  Teilnahme  der  ganzen  Nation,  welche  hier  reiche  Gelegenheit
  fand  und  freudig  ergriff,  denen,  die  mutig  fürs  Vaterland  stritten,  den  Tribut
ihrer  Liebe  und  Dankbarkeit  darzubringen.  Die  bei  Ausbruch  des  Krieges  in  allen  Teilen
Deutschlands  gebildeten  Vereine  für  freiwillige  Krankenpflege  entwickelten  eine  hilfreiche
Tätigkeit.  Nicht  weniger  schrecklich  und  leidensvoll  war  die  Lage  der  Eingeschlossenen.
Wenn  die  bewaffneten  Mannschaften  der  Garnison  auf  dem  Wachdienst,  bei  nächtlichen
Angriffen,  bei  gewagten  Ausfällen  dem  Tode  stets  ins  Angesicht  blicken  mußten,  oder  in
feuchten  Kasematten  und  Festungsräumen  voll  Unreinlichkeit  und  ungesunder  Luft  ein
trübseliges  Dasein  in  ermüdendem  Einerlei  der  Arbeit,  der  Entbehrung,  der  Not  verbrachten,
  immerwährend  den  Tag  vor  Augen,  wo  der  unvermeidliche  Fall  eintreten
werde,  und  Entwaffnung  und  Gefangenschaft  als  Lohn  alles  Ringens  und  Mühens  ihnen
bevorstehe,  so  schwebten  die  Bürger  der  Stadt,  schwebten  Frauen  und  Kinder  in  der
Gefahr,  von  den  furchtbaren  Geschossen  zerschmettert,  unter  einbrechenden  Mauern  und
Dächern  begraben,  in  Kellerräumen  verschüttet  zu  werden;  sahen  die  Aermeren  mit  Todesangst
  die  Lebensmittel  dahinschwinden,  oder  einen  für  sie  unerschwinglichen  Preis  ersteigen,
  so  daß  sie  mit  Pferdefleisch,  mit  widerlichen  und  ungesunden  Speisen,  oft  ohne
Salz,  den  Hunger  stillen  mußten.  Wie  mancher  Mutter  hatte  es  das  Herz  zugeschnürt,  wenn
sie  die  Kleinen  aus  Mangel  an  weicher  Nahrung,  an  frischer  Milch,  an  Eiern  und  Butter
dahinschwinden  sah.  Und  wie  viele,  wenn  sie  das  Leben  vor  den  feindlichen  Kugeln,  vor
Krankheit  und  Hunger  gerettet,  hatten  ihre  Habe,  ihre  Häuser,  die  Mittel  ihres  Unterhalts
  durch  Brand  oder  Verwüstung  eingebüßt  und  waren  an  den  Bettelstab  gebracht.
Ein  solches  Meer  von  Elend  und  Kummer,  voll  Leiden  und  Tod  ist  wohl  noch  nie  über
die  Menschenwelt  hereingebrochen.  Und  was  war  für  den  Franzosen  das  Ende  dieser
Qualen,  die  Frucht  der  blutigen  Aussaat?  Ein  zusammengebrochenes  Reich,  das  sich
nur  mühsam  wieder  aufzurichten  vermochte,  verlorene  Schlachten,  Einbuße  an  Macht,
Ruhm  und  Wohlstand.  Dagegen  konnte  der  Deutsche  mit  gehobener  Seele  auf  die  durchlebten
Tage  des  Kampfes  und  der  Anstrengung  blicken.  Das  Blut  seiner  Söhne  ist  nicht  umsonst  geflossen,
  die  schwere  Arbeit  ist  nicht  umsonst  verrichtet,  das  große  Leid  nicht  umsonst  getragen
worden.  Neben  den  Tränen  der  Wehmut  für  die  Opfer  flossen  auch  Tränen  der  Freude  für
die  errungenen  Früchte.  Die  idealen  Güter,  der  Schatz  des  Ruhmes  und  der  Ehre  sind  gewahrt
worden  und  was  lange  getrennt  war,  hat  sich  in  treuer  Waffenbrüderschaft  zusammengefunden.
  Auf  den  Schlachtfeldern  von  Wörth,  Gravelotte  und  Sedan,  in  den  Laufgräben
vor  Straßburg,  Metz  und  Paris  ist  der  Bund  der  deutschen  Stämme  geschlossen  worden.“