524  Druischland  in  den  Jahren  1870—1871.

daß  die  Pariser  Regierung  im  Volk  unerfüllbare  Hoffnungen  auf  Intervention  nähre
und  dadurch  den  Kampf  verlängere.

Wir  sind  fern  von  jeder  Neigung  zur  Einmischung  in  die  inneren  Verhältnisse
Frankreichs.  Was  für  eine  Regierung  die  französische  Nation  haben  will,  ist  für  uns
gleichgültig.  Formell  ist  die  Regierung  des  Kaisers  Napoleon  bisher  die  allein  von  uns
anerkannte.  Unsere  Friedensbedingungen,  mit  welcher  zur  Sache  legitimierten  Regierung
wir  dieselben  auch  mögen  zu  verhandeln  haben,  sind  ganz  unabhängig  von  der  Frage,
wie  und  von  wem  die  französische  Nation  regiert  wird,  sie  sind  uns  durch  die  Natur
der  Dinge  und  der  Gesetze  der  Notwehr  gegen  ein  gewalttätiges  und  friedloses  Nachbarvolk
  vorgeschrieben.  Die  einmütige  Stimme  der  deutschen  Regierungen  und  des  deutschen
Volkes  verlangt,  daß  Deutschland  gegen  die  Bedrohungen  und  Vergewaltigungen,  welche
von  allen  französischen  Regierungen  seit  Jahrhunderten  gegen  uns  geübt  wurden,  durch
bessere  Grenzen  als  bisher  geschützt  werde.  So  lange  Frankreich  im  Besitz  von  Straßburg
  und  Met  bleibt,  ist  seine  Offensive  strategisch  stärker  als  unsere  Defensive  bezüglich
des  ganzen  Südens  und  des  linksrheinischen  Nordens  von  Deutschland.  Straßburg  ist
im  Besitze  Frankreichs  eine  stets  offene  Ausfallpforte  gegen  Süddeutschland.  In  deutschem
Besitz  dagegen  gewinnen  Straßburg  und  Metz  einen  defensiven  Charakter,  wir  sind  in
mehr  als  zwanzig  Kriegen  niemals  die  Angreifer  gegen  Frankreich  gewesen,  und  wir
haben  von  letzterem  nichts  zu  begehren,  als  unsere  von  ihm  so  oft  gefährdete  Sicherheir
im  eigenen  Lande.  Frankreich  dagegen  wird  jeden  jetzt  zu  schließenden  Frieden  nur  als
einen  Waffenstillstand  ansehen,  und  uns,  um  Rache  für  seine  jetzige  Niederlage  zu  nehmen,
ebenso  händelsüchtig  und  ruchlos  wie  in  diesem  Jahre  wieder  angreifen,  so  bald  es  sich
durch  eigene  Kraft  oder  fremde  Bündnisse  stark  genug  dazu  fühlt.

Indem  wir  Frankreich,  von  dessen  Initiative  allein  jede  bisherige  Beunruhigung
Europas  ausgegangen  ist,  das  Ergreifen  der  Offensive  erschweren,  handeln  wir  zugleich
im  europäischen  Interesse,  welches  das  des  Friedens  ist.  Von  Deutschland  ist  keine
Störung  des  europäischen  Friedens  zu  befürchten,  nachdem  uns  der  Krieg,  den  wir  mit
Sorgfalt  und  mit  Ueberwindung  unseres  durch  Frankreich  ohne  Unterlaß  herausgeforderten
  nationalen  Selbstgefühls  vier  Jahre  lang  aus  dem  Weg  gegangen  sind,  trotz
unserer  Friedensliebe,  aufgedrungen  worden  ist,  wollen  wir  zukünftige  Sicherheit  als  den
Preis  der  gewaltigen  Anstrengungen  fordern,  die  wir  zu  unserer  Verteidigung  haben
machen  müssen.  Niemand  wird  uns  Mangel  an  Mäßigkeit  vorwerfen  können,  wenn  wir
diese  gerechte  und  billige  Forderung  festhalten.“

Daß  Bismarck  damit  nur  im  Sinne  ganz  Deutschlands  gehandelt  hatte,  dessen
durfte  er  sicher  sein,  und  das  bewiesen  ihm  auch  die  zahlreichen  Adressen  und  Glückwünsche,
  die  bei  ihm  einliefen.  So  ließ  sich  denn  auch  voraussehen,  daß  die  Bemühungen
Thiers  nur  wenig  erfolgreich  waren,  und  ebenso  blieben  die  Verhandlungen,  welche
Jules  Favre  im  Hauptquartier  zu  Ferrières  mit  Bismarck  wegen  eines  Waffenstillstandes
von  drei  Wochen  führte,  um  während  dieser  Zeit  eine  Nationalversammlung  einberufen
zu  können,  von  welcher  dann  die  Friedensverhandlungen  ausgehen  sollten.  Diese  Unterredung
  der  beiden  Staatsmänner  hat  Jules  Favre  selbst  in  einem  Bericht  an  seine
Regierung  geschildert,  der  interessant  genug  ist,  um  hier  wiedergegeben  zu  werden.  Nachdem
  Jules  Favre  Bismarck  gegenüber  betont  hatte,  daß  mit  dem  Sturze  Napoleons  nun
doch  wohl  jeder  Grund  zu  weiterem  Krieg  beseitigt  sei,  und  daß  Frankreichs  nichts,  als
den  Frieden  wolle,  fährt  er  in  seinem  Berichte  fort: