528  Deulschland  in  den  Jahren  1870—1871.

Meine  Kräfte  waren  erschöpft  und  ich  fürchtete,  einen  Augenblick  zusammenzusinken.
Ich  wandte  mich  ab,  um  die  Tränen  zu  verschlucken,  die  mich  erstickten,  und  indem  ich
mich  wegen  dieser  unfreiwilligen  Schwäche  entschuldigte,  verabschiedete  ich  mich  mit  diesen
einfachen  Worten:  Ich  habe  mich  getäuscht,  Herr  Graf,  indem  ich  hierher  kam,  ich  bereue
es  nicht,  ich  habe  genug  gelitten,  um  mich  vor  mir  selbst  zu  entschuldigen,  übrigens  habe
ich  nur  dem  Gefühle  meiner  Pflicht  gehorcht.  Ich  werde  alles,  was  Sie  mir  gesagt
haben,  meiner  Regierung  berichten,  und  wenn  dieselbe  für  passend  hält,  mich  abermals
zu  Ihnen  zu  schicken,  so  werde  ich,  so  schmerzlich  mir  auch  dieser  Schritt  sein  möge,  die
Ehre  haben,  Sie  wieder  zu  sehen.  Ich  weiß  Ihnen  Dank  für  Ihr  Wohlwollen  gegen
mich,  aber  ich  fürchte,  daß  wir  den  Ereignissen  ihren  Lauf  lassen  müssen.  Die  Bevölkerung
  von  Paris  ist  mutig  und  zu  allen  Opfern  bereit,  ihr  Heldenmut  kann  den  Gang
der  Ereignisse  ändern.  Wenn  Sie  die  Ehre  haben,  sie  zu  besiegen,  unterwerfen  werden
Sie  dieselbe  nicht.  Die  ganze  Nation  ist  von  derselben  Gesinnung.  So  lange  wir  in  ihr
ein  Element  des  Widerstandes  finden,  werden  wir  Sie  bekämpfen.  Es  ist  dies  ein  endloser
Kampf  zwischen  zwei  Völkern,  welche  sich  die  Hände  reichen  sollen.  Ich  hatte  eine  andere
Lösung  gehofft.  Ich  entferne  mich  sehr  unglücklich  und  dennoch  voll  Hoffnung.

Die  Delegation  in  Tours  verlangte,  daß  der  Krieg  in  jedem  Falle  fortgesetzt
werden  müsse.  Preußen  wolle  Frankreich  zu  einer  Macht  zweiten  Ranges  herunterdrücken,
  und  dem  gegenüber  könne  die  Losung  nur  sein:  „Weder  einen  Zoll  unseres
Territoriums  noch  einen  Stein  unserer  Festungen.“  Es  nützte  nichts,  daß  Bismarck
diesen  Vorwurf  mit  dem  Hinweis  auf  den  Erwerb  von  Nizza  und  Savoyen  und  auf
die  Eroberungen  in  Algerien  zurückwies,  der  Fanatismus  in  Paris  gab  nichts  mehr  auf
irgend  einen  Vernunftgrund,  es  schien,  als  ob  Frankreich  vollständig  die  Fähigkeit,  klar
zu  denken,  verloren  habe.

Indessen  sollten  die  Ereignisse  sie  doch  bald  wieder  ernüchtern.  Am  24.  September
hatte  Toul,  welches  schon  längere  Zeit  von  den  Truppen  des  Großherzogs  von  Mecklenburg
  belagert  war,  kapitulieren  müssen,  und  nach  wenigen  Tagen  fiel  Straßburg  trotz
seiner  heldenmütigen  Verteidigung  durch  General  Uhrich  in  die  Hände  der  Deutschen.
Die  Leiden,  welche  die  Stadt  während  einer  sechswöchentlichen  Belagerung  durchgemacht
waren  beinahe  übermenschliche.  Die  Geschosse  des  Feindes,  das  Feuer,  Hunger  und
Krankheit  richteten  in  der  volksreichen  Stadt  entsetzliche  Verwüstungen  an.  Viele  Kostbarkeiten
  wurden  ein  Raub  der  Flammen.  Die  von  der  Besatzung  gemachten  Aussälle
blieben  ohne  Erfolg.  Die  Errichtung  der  Republik  in  Frankreich  belebte  von  neuem  die
Hoffnung  in  der  bedrängten  Stadt.  Allein  als  der  von  Paris  ernannte  neue  Präfekt
Valentin  nach  Ueberwindung  unzähliger  Gefahren  in  Straßburg  ankam,  konnte  sich
General  Uhrich  kaum  noch  einige  Tage  lang  halten.  Am  27.  September  flatterte  auf
dem  Münster  die  weiße  Fahne,  und  nun  schwiegen  die  Geschütze  der  Belagerer.  Die
Kapitulation  kam  ohne  Schwierigkeiten  zu  stande.  Die  Offiziere  erhielten  auf  Ehrenwort
freien  Abzug,  die  etwa  17000  Mann  starke  Besatzung  wurde  in  Kriegsgefangenschaft
abgeführt,  Waffen,  Kriegsbestand  und  Militärkassen  mußten  abgeliefert  werden.  Am
folgenden  Tage  erfolgte  der  Abmarsch  der  Truppen,  es  spielten  sich  bei  dieser  Gelegenheit
Szenen  ab,  die  deutlich  die  Verwilderung  in  der  französischen  Armee  zeigten.  Auf  beiden
Seiten  war  bis  zur  Erschöpfung  gekämpft  worden.  Von  allen  Seiten  her  widmete  man  der
unglücklichen  Stadt  die  tatkräftigste  Teilmahme.  Allein  auf  deutscher  Seite  verstand  man
doch  auch  zugleich  die  Bedeutung  dieses  Sieges  in  seinem  vollen  Umfang  zu  würdigen.