Der  dentsch-franässche  Kries.  1  529

Im  ganzen  wunderbaren  Verlauf  des  jetzigen  Krieges,  heißt  es  in  der  „Provinzial-Korrespondenz“,
  hatte  keine  Siegesnachricht  die  deutschen  Herzen  mit  solch  inniger  Freude
erfüllt,  wie  die  Kunde  von  der  Einnahme  Straßburgs.

.So  groß  der  Triumph  und  der  Siegesjubel  über  Sedan  und  des  Kaisers
Gefangennehmung  waren,  so  mächtig  das  Bewußtsein  des  dort  Errungenen  alle  Herzen
ergriff,  so  ist  doch  die  Befriedigung  des  deutschen  Volkes  über  Straßburg  noch  tiefer
und  inniger;  überall  wird  empfunden,  daß  in  der  Einnahme  Straßburgs  nicht  bloß  ein
kriegerischer  Erfolg,  sondern  vor  allem  ein  hochbedentsames  nationales  Ereignis  vorliegt.
Die  Wiedergewinnung  Straßburgs  ist  im  deutschen  Volksbewußtsein  ein  Wahrzeichen  der
Wiedergeburt  Deutschlands,  die  Auferstehung  des  Volkes  zu  nationaler  Kraft  und  Macht.
Ebenso  wie  die  Losreißung  Straßburgs  vom  Deutschen  Reiche  durch  französische  List  die
Zeit  des  tiefsten  Verfalls  unseres  Vaterlandes  bezeichnet,  so  ist  durch  eine  wunderbare
Fügung  Gottes  die  Wiedervereinigung  der
alten  deutschen  Stadt  mit  dem  neuerstehenden
  Reiche  die  erste  Betätigung  der  geeinigten
  Volkskraft  Deutschlands  geworden.

Eine  Fügung  Gottes  ist  es  in  Wahrheit;
  denn  niemand  hätte  vor  wenigen  Monaten
  geahnt,  daß  wir  dahin  kommen
könnten,  Straßburg  mit  Deutschland  wieder
zu  vereinigen.  So  schmerzlich  die  Erinnerung
  an  die  frühere  Schmach  und  Beraubung
  des  deutschen  Vaterlandes  die  patriotischen
  Herzen  immerdar  berührte,  so  galten
doch  jene  Tatsachen,  und  die  darauf  begründeten
  Verhältnisse  als  traurige  zwar,
aber  unwiderrufliche  Ereignisse  einer  früheren
  Geschichte,  nicht  als  mögliche  Anlässe
und  Fragen  einer  Politik  der  Gegenwart.
Bei  allen  nationalen  Regungen  und  Be-  General  von  Werder.
wegungen  der  letzten  fünfzig  Jahre  konnte
es  doch  den  eifrigsten  Patrioten  auch  in  den  hochfliegendsten  Plänen  nicht  in  den  Sinn
kommen,  die  Wiedergewinnung  von  Straßburg,  die  Wiedervereinigung  von  Elsaß  und  Lothringen
  mit  Deutschland  in  das  Bereich  ihrer  Hoffnungen  oder  Forderungen  zu  ziehen.

Der  neuen  Herausforderung  und  Bedrohung  Deutschlands  durch  den  alten  Erbfeind
war  es  vorbehalten,  das  Bewußtsein  der  Jahrhunderte  alten  Verschuldung  Frankreichs
im  deutschen  Volke  wieder  aufzufrischen;  aber  nur  ein  Siegeslauf  von  so  beispiellos
niederschmetternder  Gewalt,  nur  eine  Bewährung  der  einheitlichen,  deutschen  Macht,  wie
sie  in  diesem  Feldzug  hervorgetreten,  konnten  die  unerwartete,  welthistorische  Wandelung
der  Auffassungen  und  Verhältnisse  zuwege  bringen,  daß  jene  vor  kurzem  ungeahnte  und
unfaßbare  Forderung  für  Deutschland  jetzt  als  ganz  naturgemäß,  ja  als  selbstverständlich
gilt,  daß  das  deutsche  Volk,  welches  vor  wenigen  Wochen  keinem  Fürsten,  keinem  Staatsmanne
  eine  solche  Aufgabe  zugemutet  oder  zugetraut  hätte,  jetzt  dagegen  es  nicht  verstehen
  oder  zulassen  würde,  daß  auf  die  Erreichung  dieses  Ziels  verzichtet  würde.  In
dieser  großen  Wandlung  der  Gesamtauffassung  und  Stellung  Deutschlands  vor  allem

Ebner,  Illustrlerte  Geschichte  Deutschlands.  35