530  Beutschlaund  in  den  Jahren  1870—1871.

tritt  die  erhabene  Bedeutung  der  Einnahme  Straßburgs  hervor.  So  gewichtig  die
positiven  tatsächlichen  Gründe,  namentlich  die  militärischen  Gesichtspunkte  der  nationalen
Verteidigung  sind,  um  derentwillen  die  Festhaltung  des  eroberten  Landes  bis  zur  Vogesenund
  Mosellinie  geboten  erscheint,  in  dem  Jubel  des  deutschen  Volks  über  Straßburg  ist
dies  doch  nicht  die  Hauptsache,  die  Festfreude  entspringt  vor  allem  dem  unmittelbaren
Bewußtsein  des  Volkes,  daß  in  Straßburg  Deutschland  sich  selber  wieder  gefunden  und
eine  neue  Zeit  seiner  Geschichte  ruhmvoll  begonnen  hat.

In  diesem  Sinne  enthält  die  jetzige  große  Freude  zugleich  ein  ernstes  Gelübde:
„Das  deutsche  Volk,  welches  die  Wiedergewinnung  Straßburgs  als  ein  Fest  der  Wiederherstellung
  Deutschlands  feiert,  muß  entschlossen  sein,  die  Grundlage  der  neuerwachten
Kraft,  die  Einmütigkeit  der  Herzen  und  die  Gemeinschaft  des  nationalen  Strebens  zu
wahren  und  durch  feste,  politische  Einrichtung  zu  sichern.  Die  Wiedervereinigung
Straßburgs  und  der  alten  deutschen  Gauen  mit  dem  neuerstehenden  Deutschen  Reiche
möge  nicht  bloß  eine  Probe  und  Bewährung  des  neuerwachten  Geistes,  sondern  für  alle
Zeiten  ein  Unterpfand  echter  deutscher  Einheit  und  nationaler  Macht  sein.“

Gouverneur  von  Straßburg  wurde  nun  Generalleutnant  von  Ollech,  während
General  von  Werder  auszog,  um  Elsaß  von  Schlettstadt  bis  Belfort  zu  erobern.  König
Wilhelm  hatte  sein  Hauptquartier  nach  Versailles  verlegt,  Gambetta  aber  verkündigte
mit  prahlerischen  Worten  sofort  nach  seiner  Ankunft  in  Tours:  „Paris,  welches  seit
siebzehn  Tagen  belagert  ist,  bietet  das  Schauspiel  dar,  daß  mehr  als  2  000  000
Menschen,  welche  alle  Zwistigkeit  vergessen,  um  sich  um  die  Fahne  der  Republik  zu
scharen,  die  Voraussicht  des  eindringenden  Feindes  zu  nichte  machen,  welcher  auf  Zwietracht
  im  Innern  rechnet.  Die  Revolution  hatte  in  Paris  weder  Waffen  noch  andere
Geschütze  gefunden.  Jetzt  sind  in  der  Stadt  400  000  bewaffnete  Nationalgarden,
100  000  Mobilgarden  und  60  000  Mann  reguläre  Truppen.  In  den  Werkstätten  werden
Geschütze  gegossen,  die  Frauen  fertigen  täglich  eine  Million  Patronen  an.  Jedes
Bataillon  der  Nationalgarde  hat  zwei  Mitrailleusen,  auch  wird  sie  mit  Feldgeschützen
versehen,  um  Ausfälle  gegen  die  Belagerer  machen  zu  können.  Die  Forts  sind  mit
Marinetruppen  besetzt  und  mit  vortrefflichen  Geschützen  versehen,  welche  von  den  besten
Artilleristen  der  Welt  bedient  werden.  Bis  jetzt  hat  ihr  Feuer  den  Feind  verhindert,
auch  nur  das  kleinste  Erdwerk  aufzurichten.  Die  Enceinte,  welche  am  4.  September  nur
mit  500  Kanonen  besetzt  war,  hat  jetzt  deren  3800  mit  ausreichender  Munition.  Mit
dem  größten  Eifer  wird  das  Feuer  fortgesetzt,  jeder  Mann  befindet  sich  an  dem  für  ihn
bestimmten  Posten.  Die  Enceinte  ist  fortwährend  von  der  Nationalgarde  besetzt,  welche
vom  Morgen  bis  zum  Abend  das  Werk  des  Krieges  verrichtet.  Die  Festigkeit  und  die
Erfahrung  dieser  improvisierten  Soldaten  wird  von  Tag  zu  Tag  größer.  Hinter  der
einen  Enceinte  existiert  noch  eine  andere,  von  Barrikaden  gebildete,  deren  Bau  die  Pariser
zur  Verteidigung  der  Republik  wieder  aufgenommen  haben.  Alles  dieses  ist  mit  Ruhe,
Ordnung  und  Enthusiasmus  in  Szene  gesetzt  worden.

Es  ist  keine  Illusion  —  Paris  ist  uneinnehmbar!  Es  kann  weder  durch  Gewalt,
noch  durch  Ueberraschung  erobert  werden.  Zwei  Mittel  bleiben  den  Preußen.  Der
Aufstand  und  die  Hungersnot;  aber  weder  zu  dem  einen,  noch  dem  andern  wird  es  in
Paris  kommen.  Da  die  Stadt  mit  dem  Nötigen  versehen  ist,  so  ist  sie  im  stande,  dem
Feinde  lange  Monate  hindurch  Trotz  zu  bieten.  Die  Lebensmittel  sind  in  Masse  aufgehäuft,
  und  mit  männiglicher  Ausdauer  wird  die  Stadt  alle  Bedrängnisse  ertragen,  um